Schlaglichter auf fünf Jahrhunderte

Evangelische Kirche der Pfalz präsentiert ihre Geschichte in modernisierter Speyerer Dauerausstellung

Ganz Auge und Ohr: Ein Film lädt dazu ein, sich über die Reformation und ihre regionalen Besonderheiten zu informieren. Foto: Landry

Moderner Anstrich: Ausgewählte Exponate lassen in der Ausstellung die 500 Jahre alte Geschichte des Protestantismus in der Pfalz lebendig werden. Foto: Landry

Es ist ein Dauerwitz, dass Martin Luther auf seinen Reisen nur fast bis in die Pfalz kam: Im rheinhessischen Worms, knapp an der Grenze, verteidigte der Reformator 1521 auf dem Reichstag vor dem Kaiser seine Lehre. An der Heidelberger Universität lud er bereits 1518 zu einem Streitgespräch ein. Und doch: Die neu gestaltete Präsentation zur Geschichte der Evangelischen Kirche der Pfalz im Historischen Museum der Pfalz in Speyer macht deutlich, wie stark Luther auf die Region einwirkte. Und auch, dass es die Pfälzer Protestanten ein wenig wurmt, dass es der Wittenberger Theologieprofessor zeitlebens nicht bis in ihren Landstrich schaffte.

„Luther, die Protestanten und die Pfalz“, heißt programmatisch und mit einem Anflug von Humor die modernisierte Schau der Landeskirche. Auf kleinem Raum, im ersten Obergeschoss des Museumsbaus am Speyerer Domplatz, gibt sie einen informativen und nutzerfreundlichen historischen Überblick: 500 Jahre Protestantismus, von der frühen Reformationszeit im 16. Jahrhundert bis heute, kann der Besucher dort schlaglichtartig nacherleben. Die Ausstellung ist die kleinste der drei Dauerausstellungen des Museums: Auch das Bistum Speyer erzählt in einer eigenen Schau seine Geschichte, ein weiterer Raum beherbergt das Weinmuseum.

Aus einem Fundus von 150 Exponaten, die die Landeskirche dem Museum zur Bewahrung für die Nachwelt übergeben hat, wurden 65 Stücke ausgewählt. Vor allem jüngere Besucher werden ihre Freude an einer Hör- und einer Medienstation haben, wo man sich durch verschiedene Kapitel der Kirchengeschichte klicken oder Kirchenlieder hören kann. Information auf Knopfdruck bietet ein Film zur Reformationsgeschichte, der auch die besondere Rolle der Region beleuchtet.

Ziel sei es gewesen, im Jahr des 500. Reformationsjubiläums die Dauerausstellung vor allem mit Blick auf ein jüngeres Publikum zu überarbeiten, sagte Museumsdirektor Alexander Schubert bei der Präsentation der Schau. Angesprochen werden sollten nicht nur Konfirmandengruppen, Schulklassen oder Presbyterien, sondern auch ein überkonfessionelles Publikum, ergänzte Projektleiter Ludger Tekampe. Seit 1961 befindet sich die Sammlung zur Geschichte der Landeskirche im Speyerer Museum, zuletzt war sie vor 14 Jahren überarbeitet worden. Die Neupräsenta­tion wurde finanziell gefördert von der pfälzischen Landeskirche und der ­Ber­liner Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation.

Schnell wird dem Betrachter beim Gang durch die Schau klar: Die Pfalz war ein wichtiger „Player“ bei der Genese des Protestantismus. Im 16. Jahrhundert, als Luthers kirchenreformerische Kraft zu wirken begann, war das Gebiet der heutigen Pfalz eine Keimzelle der frühen Reformation mit der Kurpfalz, dem Herzogtum Pfalz-Zweibrücken und der freien Reichsstadt Speyer. Klug ausgewählte Exponate stellen die Bezugslinien zur Vergangenheit her: Unter Vitrinenglas sind eine Lutherbibel von 1541, eine Kirchenordnung des Kurfürsten Ottheinrich (1554) sowie ein Exemplar des Heidelberger Katechismus (1563) zu bewundern. Zwei Wappenhalter vom Ratshof in Speyer erinnern an den Tagungsort der Reichstage von 1526 und 1529. Diese prägten den entstehenden Protestantismus entscheidend.

Im Zentrum der Betrachtung stehen die reformatorischen Schlüsselgestalten, die mit Porträts und Bildern in der Schau vertreten sind. Luthers Freund und maßgeblicher Mitübersetzer der Bibel ins Deutsche, Philipp Melanchthon aus dem benachbarten kurpfälzischen Bretten, trug mit seinen theologischen Gutachten zur Ausprägung der Reformation in der Pfalz bei. Martin Butzer, der erste pfälzisch-protestantische Pfarrer aus Landstuhl, gilt als der „Erfinder“ der Konfirmation und hatte großen Anteil am Aufbau des Konfirmandenunterrichts und des Bildungswesens. Starke Impulse gaben auch die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin für die Region: Der reformierte Theologe Zacharias Ursinus aus Heidelberg ist nicht nur Hauptverfasser des nach der Hauptstadt der Kurpfalz benannten Katechismus, einer bis heute wichtigen Bekenntnisschrift der Reformierten.

Auch den Bauernkrieg mit Spießwaffen, das kirchliche Leben mit Abendmahlsgeräten aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die Pfälzer Kirchenunion von Lutheranern und Reformierten von 1818 und das diakonische Engagement der Kirche, sinnfällig in Form einer Diakonissenhaube, thematisiert die Ausstellung. Neu ist der Blick auf die eher unrühmliche Rolle der pfälzischen Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Protestanten nur wenig Protest gegen Imperialismus und das NS-Regime zeigten. Auch Kuriosita birgt die Kirchenschau: So tickt eine Lutherspieluhr aus der Zeit der Jahrhundertwende, Luther hält als Playmobil-Figur seine 95 Thesen in die Höhe. Und das Haushaltungsbuch des in Speyer geborenen Pfarrers und Dichters Georg Friedrich Blaul gewährt Einblicke in das Innenleben einer Pfarrerfamilie des 19. Jahrhunderts

Nur indem man die Licht- und Schattenseite der eigenen Geschichte betrachte, sei ein unverstellter Blick auf die Gegenwart möglich, sagte der pfälzische Bildungsdezernent, Oberkirchenrat Michael Gärtner. Die Ausstellung wolle „komprimiert in einem Raum“ vor allem eines deutlich machen: dass Aufklärung und die ständige Suche nach der Wahrheit das Ziel des Protestantismus seien. Alexander Lang

 

Ausstellung der Landeskirche

Die Dauerausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Besuch ist im Eintrittspreis für die Sammlungsausstellung des Historischen Museums der Pfalz ­enthalten. Internet: www.museum.speyer.de, Ort: Erstes Obergeschoss des Historischen Museums der Pfalz, Domplatz, 67346 Speyer. all

 

 

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