Die Urne im eigenen Garten

Die immer individuelleren Begräbnisformen sind für die Kirche Herausforderung und Chance zugleich

Können die Asche auf Wunsch an den eigenen Gartenboden abgeben: Urnen eines holländischen Anbieters. Fotos: flor

Den Liebsten ganz nah: In diese Handschmeichler wird Asche gefüllt.

Mehrere Meter streckt der Baum seine Zweige gen Himmel. An ihnen hängt aber kein buntes Herbstlaub. Stattdessen leuchten Blätter aus Glas an den Ästen: Erinnerungskristalle. Der sogenannte „Aiwa-Tree“ ist eine der neuesten Entwicklungen auf dem Markt der Bestattungskultur. „Memory Cristals“, Erinnerungskristalle, nennt Dalibor Novák, Inhaber der gleichnamigen tschechischen Firma, die Blätter. Mundgeblasenes Glas wird dabei mit sichtbarer Kremationsasche verschmolzen. 2009 wurde das Verfahren patentiert, seitdem können sich Angehörige einen Teil des Verstorbenen damit nach Hause holen. Jetzt will Novák mit dem Baum einen Schritt weitergehen.

„Uns wurde immer vorgeworfen, man nehme mit den Kristallen den Menschen den Ort zum trauern“, sagt Novák. Mit dem öffentlich zugänglichen Baum, den sich Novák unter anderem in Trauerhallen vorstellen kann, könne dieses Problem gelöst werden. 500 bis 1000 Erinnerungsorte finden auf zweieinhalb Quadratmetern Platz. Der Baum gebe Aufstellern so die Möglichkeit, Plätze an den Ästen zu vermieten. Mittels Tablet können Angehörige dann das jeweilige Blatt zum Leuchten bringen in der Wunschfarbe. Musik ist ebenfalls möglich. Im Mai hat Novák den Baum auf der Internationalen Bestattungsfachausstellung in Düsseldorf präsentiert, einige Standbesucher hätten bereits Interesse bekundet, sagt er.

Die Bestattungskultur ist im Wandel. Wohl auch, weil immer weniger Menschen Angehörigen die Grabpflege zumuten oder Kosten sparen wollen, steigt die Zahl an Feuerbestattungen. Anbieter bringen laufend neue Produkte auf den Markt. Vor allem in den Nachbarländern Deutschlands, wo die sogenannte Ascheteilung erlaubt ist. Der Schweizer Hersteller Algordanza bietet bereits seit 2004 an, aus dem in der Asche enthaltenen Kohlenstoff oder Haaren des Verstorbenen einen Diamanten zu pressen; zusätzlich zur Urnenbestattung oder als Alternative. 2000 Bestattungshäuser in Deutschland zählen zu den Partnern. Und auch in Holland werden neue Wege beschritten: „Waterurn“ vertreibt unter anderem Urnengefäße aus Bronze – für den eigenen Garten. Diese geben über ein ausgeklügeltes System schrittweise die enthaltene Asche ans Erdreich ab. „Funeral products“ aus Eindhoven vertreibt bunte Handschmeichler aus Keramik, in die Asche des Toten gefüllt werden kann. „Ich kenne eine Frau, die immer gerne mit ihrem Mann spazieren gegangen ist“, sagt Mitarbeiterin Nicole Almeida. „Sie hat gesagt, sie ist froh, dass sie ihn nach seinem Tod jetzt trotzdem immer irgendwie dabei hat.“

In der Ascheteilung sieht Almeida auch eine Reaktion auf die Veränderung der Gesellschaft. „Die Menschen sind mobiler geworden, es gibt immer mehr Patchworkfamilien“, sagt die Kundenberaterin. Daher sei es sinnvoll, gerade mit Kunstobjekten, die Asche enthalten, Möglichkeiten zum dezentralen Gedenken zu geben. Die Gesetzeslage in Deutschland sei hier rückwärtsgewandt.

Tatsächlich stellt das Aufbewahren der Asche zu Hause in Deutschland eine Ordnungswidrigkeit dar. Allerdings seien die Regelungen in den jeweiligen Bestattungsgesetzen der Bundesländer nicht immer präzise, sagt Antje Bisping, Rechtsanwältin im Bundesverband Deutscher Bestatter. Auch die Verfolgung solcher Ordnungswidrigkeiten durch die Kommunen habe nicht immer oberste Priorität. Auch aus diesem Grund werben überhaupt entsprechende Anbieter hierzulande für ihre Produkte. Einen Trend will Bisping in den neuen Angeboten nicht ausmachen, auch wenn darüber viel gesprochen werde. Tatsächlich gestiegen sei aber der Wunsch nach pflegeleichten Gräbern und individuellen Begräbnissen. „Hier ist auch die Kirche aufgerufen, geeignete Angebote zu machen.“

Diese Notwendigkeit sieht auch Pfarrer Ludwig Burgdörfer, Leiter des Missionarisch Ökumenischen Dienstes in Landau. Die Kirche habe bei Bestattungen ihren früheren Stellenwert verloren. Oft riefen die Angehörigen erst den Bestatter an, der dann den Pfarrer informiere. Umso wichtiger sei es, auf individuelle Wünsche einzugehen, unter anderem was Lieder angehe. Hier könne man nicht stur Dienst nach Vorschrift machen. In der Landeskirche wird versucht, der veränderten Bestattungskultur mit einer neuen Bestattungsagende zu begegnen. Der Entwurf, der auf der Landessynode aller Voraussicht nach beschlossen wird, nimmt Bestattungswälder, Kolumbarien und Grabstelen als neue Bestattungsorte auf und unterscheidet in den Abläufen für den Bestattungsgottesdienst nicht mehr wie bisher zwischen Sarg und Urne.

Was aber Asche in Privatgärten oder im Bücherregal angeht, dazu hat Burgdörfer eine klare Meinung. Die Praxis, den Toten nahe bei sich zu wissen, spiegele für ihn eine klare Tendenz wider. „Ich entlasse den Verstorbenen nicht aus meiner Verfügbarkeit, mache ihn zum Inventar meiner geglaubten Unsterblichkeit.“ Dabei sei der Tod ein unverzichtbarer „Point of no return“. Es sei wichtig, den Angehörigen in Würde aus dem Leben zu „entlassen“, sagt Burgdörfer. Dies habe er in seinem Engagement in Trauergruppen erlebt. Eins falle in all den Neuentwicklungen auf dem Markt der Bestattungskultur auf: „Während der Glaube an ein Leben nach dem Tod vom Aussterben bedroht ist, ist der Glaube an die Unsterblichkeit so virulent wie noch nie.“ Florian Riesterer

 

Letzte Ruhestätte an der Kirche

Kolumbarien in Kirchen sind in Deutschland relativ neu. Das erste wurde 2004 in Krefeld eröffnet. Seit 2008 steht ein Kolumbarium in der Ruine der Klosterkirche Bad Dürkheim, das einzige in der pfälzischen Landeskirche. Angeregt hatte dies die ehemalige Dekanin Ulla Hoffmann.

Die Kirchengemeinde in Bad Bergzabern denkt über ein Kolumbarium in der Bergkirche nach, sagt Dekan Dietmar Zoller. „Viele wünschen sich einen Ort mit wenig Grabpflege.“ Mit der Bergkirche verbänden viele Gemeindemitglieder Erinnerungen. Auf der anderen Seite hätte die Kirche Einnahmen zur Finanzierung ihrer zwei Kirchen. Ein möglicher Ort ist die Gruft unter der Kirche. Hier sind Schwester und Mutter der Fürstin Karoline von Pfalz-Zweibrücken beerdigt. Weil dies alles aber wohlüberdacht sein will, sagt Zoller, wird diese Idee frühestens 2020 umgesetzt.

In Minfeld ist man von der Idee eines Kolumbariums hinter der Kirche abgerückt. Statt einer ganzen Pfarrstelle gebe es inzwischen nur noch eine Dreiviertel-Pfarrstelle mit Zusatzauftrag, sagt der Minfelder Pfarrer Henning Lang. Die Planungssicherheit fehle. Und selbst wenn man Ehrenamtliche finde, die sich um die Friedhofsverwaltung mitkümmern, müsse man sich fragen, wie lange dies gewährleistet werden kann. flor

 

 

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