Bibellese

Sonntag, 17. Juni, Psalm 139

Gott kennt mich

Gott – allwissend und allgegenwärtig –, du kennst mich, egal, was ich mache, egal, was ich sage, du weißt es. In unserer datenschutzorientierten Welt lassen die Worte des Psalmbeters alle Alarmglocken klingeln. Wer hat so viele Daten gesammelt, dass er alles weiß und jedes Wort, das ich spreche, kennt? Und wer hat ein so gutes Programm, dass er alles vorhersagen kann? Und für mich selbst stellt sich natürlich die wichtigste aller Fragen: Will ich das überhaupt, dass jemand alles über mich weiß? Will ich so gläsern und transparent sein? Für den Beter des 139. Psalms ist das alles kein Problem. Er fühlt sich nicht einmal bedroht von dem übermächtig großen Auge, dem aber auch wirklich nichts verborgen bleibt. Er fühlt sich eher angesehen, gewertschätzt, begleitet und geführt. Nähme ich die Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Der Beter lobt geradezu diese Allwissenheit Gottes und sieht sie gar als Chance, sich selbst zu korrigieren und sein Verhalten neu zu überdenken. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Montag, 18. Juni, Amos 8, 11–14

Hunger nach Gottes Wort

Eine wahrhaft geistige Hungersnot, das sagt der Prophet Amos im Namen Gottes voraus. Diese Ausführungen schließen sich an die Vierte von fünf Visionen an. Gott selbst schickt diesen Hunger in die Menschen aus und sorgt dafür, dass er nicht gestillt werden kann. Es ist der Hunger nach dem Wort Gottes, nach Weisung. Sicherlich ist es auch der Hunger nach Recht und Gerechtigkeit, die Thematik, die untrennbar mit dem Wort Gottes bei Amos verbunden ist. Diese Hungersnot ist die Strafe für die Abgötterei des Volks. Es ist die Strafe für das Sich-auf-die-Falschen-verlassen, für das Nicht-nach-dem-Wort-Gottes-leben. Das Gerichtsbild greift das Erntemotiv der vierten Vision auf: Der Prophet sieht einen Korb zur Ernte, es gibt aber kein Brot! Recht und Gerechtigkeit, die Früchte des Wortes Gottes wurden nicht gefunden, sodass das Volk, die schönen Jungfrauen und die Jünglinge, verschmachten müssen vor Durst. Gott nimmt dies alles, das Verhalten des Volks, nicht länger in Kauf, sieht nicht mehr tatenlos zu.

Dienstag, 19. Juni, Amos 9, 1–10

Gott über dem Altar

Die fünfte und damit letzte Vision setzt zum finalen Schlag an. Gott steht über dem Altar und fordert den Propheten auf, das Heiligtum zu zerschlagen. Das ganze Heiligtum und die Trümmer sollen den Menschen auf die Köpfe fallen. Ein bizarres und für die Menschen der damaligen Welt kaum vorstellbares Bild wird gezeichnet: Das Heiligtum, sonst Schutzort, wird zum Ort des Todes. Ein Beben und herabstürzende Trümmer. Und wer bei dem Ganzen noch übrig bleibt, wer überlebt, der soll mit dem Schwert getötet werden. Aber nicht irgendwer wird töten, Gott selbst wird es mit dem Schwert übernehmen. Gott selbst verfolgt die, die sich verstecken. Gottes Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit, die vom Beter des 139. Psalms noch als tröstend und leitend erfahren wird, kehrt sich hier ins Gegenteil. Niemand kann sich vor dem Auge Gottes und damit vor dem Gericht Gottes verbergen oder verstecken, egal, ob im Himmel oder bei den Toten: Und wenn sie sich vor meinen Augen verbergen im Grunde des Meeres, so will ich doch der Schlange befehlen, sie dort zu beißen. Der Abschnitt mündet in einen Hymnus, der die Macht und Größe Gottes besingt. Er ist es! Er heißt Herr! Dieser letzte Abschnitt fungiert als Überleitung zum heils­ver­hei­ßen­den Abschluss des Buchs. Das Haus Jakobs soll nicht ganz vernichtet werden. Es durchläuft nur einen Läuterungsprozess.

Mittwoch, 20. Juni, Amos 9, 11–15

Das künftige Heil des Gottesvolks

Nach all diesen Gerichtsankündigungen, Mahnungen und Schuldaufweisen, nach diesen erschreckenden Visionen und bizarren Bildern endet das Buch des Propheten Amos mit einer Gottesrede, die dem Königtum und dem Volk einen Wiederaufbau verheißt. Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten und will sie bauen, wie sie vor Zeiten gewesen ist. Heimkehr aus der Gefangenschaft, Wiederaufbau, Kultivierung des Landes, Wein, der das geschundene Herz erfreut, ein Verbleib im Land; all diese Zusagen und Verheißungen bilden ein starkes Gegengewicht zu den vorangehenden Kapiteln. Sie malen ein neues Bild in blühenden und tröstenden Farben. Mit diesen Heilszusagen gibt der Prophet Amos in Gottesrede dem Volk eine Zukunft, eine Zukunft mit Gott.

Donnerstag, 21. Juni, Hosea 1, 1–9

Hoseas Ehe

Hosea ist einer der ältesten Schriftpropheten – nach Amos. Seine Verkündigung begann im Nordreich wahrscheinlich schon unter der Herrschaft von Jerobeam II. und endete mit dem Untergang des Nordreichs 722 vor Christus. Hosea, dessen Name übersetzt „Er (Gott) hat geholfen“ heißt, ist gleich zu Beginn des Buchs ein Bild für das Gericht Gottes. Geh hin, und nimm eine hurende Frau und Hurenkinder; denn das Land läuft vom Herrn weg der Hurerei nach. Dieser Auftrag fasst eigentlich das ganze Buch und seine Botschaft zusammen. Denn es geht um eine Beziehung, um die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Es geht um Ehebruch, um Werben und Lieben, um Zerstören und wieder Aufbauen, es geht um die Vergangenheit und die Zukunft, um Schuld und Vergebung. Gott als der betrogene und hintergangene Ehemann. Hosea nimmt den Auftrag Gottes an und zeugt mit Gomer drei Kinder, deren Namen Programm sind: Jesreel steht für die Blutschuld, Lo-Ruhama – kein Erbarmen, Lo-Ammi – nicht mein Volk! Denn ich will mich nicht mehr über das Haus Israel erbarmen, und ihr seid nicht mein Volk!

Freitag, 22. Juni, Hosea 2, 1–3

Eine Heilsperspektive

Aber – und auch das wird gleich zu Anfang des Buchs klargestellt – es gibt trotzdem eine Perspektive, eine Heilsperspektive. Ein Bild der Zukunft wird gemalt: Die Zahl der Israeliten wird sein wie der Sand des Meeres, weder messbar noch zählbar, und die unheilvollen Namen werden sich in ihr Gegenteil verwandeln. Aus Lo-Ammi und Lo-Ruhama werden mein Volk und Erbarmen! Judäer und Israeliten vereinigen sich und setzen sich ein Haupt. Wann dies geschehen wird, wird nicht gesagt. Und was mit dem Haupt gemeint ist, ist nicht klar. Das Wort „König“ wird wohl bewusst nicht verwendet, denn es kommt bei Hosea nur in den Gerichtsworten vor. Es ist eine schimmernde Heilsvorhersage, die an die Frühzeit Israels, in der noch alles gut war, anknüpft und deren Perspektive eher eschatologisch ist.

Samstag, 23. Juni, Hosea 2, 4–15

Gott zieht Israel zur Rechenschaft

Nachdem das Thema grundsätzlich klargestellt und mithilfe des Propheten leibhaftig dargestellt ist, beginnt eine längere Gottesrede damit, im Bild der Hurerei in extrem anschaulicher Weise die Schuld Israels zu beschreiben. Dies geschieht auf sehr emotionale Art und Weise. Gott beschreibt, wie er Israel wahrnimmt: Israel läuft anderen Göttern hinterher! Israel bietet sich an und verwechselt die anderen Götter mit JHWH. Israel betreibt Ehebruch! Noch schlimmer, der Vorwurf lautet: Israel hat Gott vergessen. Die Beschreibung nimmt die Leserinnen und Leser in die tiefen, verwirrten Gedanken Israels mit hinein: Ich will meinen Liebhabern nachlaufen, die mir Brot geben und Wasser, Wolle und Flachs, Öl und Trank. Den wirklichen Geber der Gaben, Gott nämlich, hat Israel vergessen! Und so fällt die Strafe dementsprechend aus: JHWH zieht alles zurück. Er drückt sozusagen den Resetknopf. Zurück zum Anfang! Ein Ende mit den Freuden, Festen und Neumonden, Verwüstung der Feigenbäume und Weinstöcke! Sigrun Welke-Holtmann