Bibellese

Sonntag, 17. Februar, Psalm 60

Eine Bitte des Volks

Der Psalmdichter legt dem Volk Israel ein Gebet in den Mund. Bezieht man den Kontext der umgebenden Texte, also Römer 9, in die Überlegungen mit ein, scheint das Gebet wie eine Antwort auf die Thematik des Paulus und eine Bitte des Volks. Gott hat Israel scheinbar verstoßen – zumindest empfindet es das Volk so. Er, der die Erde zerreißen und erschüttern kann, wird demütig angebetet. Er hat das Volk bestraft, aber Israel lässt nicht von ihm ab. Es bittet um Erhörung. Israel verweist auf die bleibende Zusage Gottes. Er hat im Heiligtum geredet, und das ist das Zeichen, dass Gott Israel nicht für immer strafen will. Die Zuversicht ist groß, dass die Strafe zu tragen ist, dass es aber kein Ende der Beziehung ist. Die Fragen Israels sind rhetorisch. Am Ende wird Gott Israel beschützen und geleiten. Am Ende wird Gott Israel gegen seine Feinde führen und seinem Volk helfen. Die Zuversicht des Psalmschlusses macht deutlich: Gott steht zu seinem Volk – auch gegen den Eindruck des Moments.

Montag, 18. Februar, Römer 9, 30–10, 4

Juden und Heiden

Paulus versucht immer noch, das Geheimnis Gottes zu verstehen. Er hält fest, dass Gottes Erwählung nicht zurückgenommen worden ist. Er versucht, innerhalb Israels zu differenzieren. Aber das gelingt nicht, weil Israel eine klare Größe ist, der die Erwählung als Volk gilt, nicht nur als Individuum. Hier bricht schon zaghaft der unterschiedliche Ansatz zwischen dem antiken Judentum und dem sich entwickelnden Christentum durch. Aber noch geht Paulus nicht darauf ein. Er versucht nun, einen Unterschied zwischen Juden und Heiden zu erkennen. Das ist ein Grundproblem der frühen Christen. Sind Heidentum und Judentum für das Christentum eigentlich wichtige Kriterien? Ist in Christus nicht jeder eine neue Kreatur? Macht es da einen Unterschied, was jemand vor seiner Taufe war? Paulus greift das Gesetz auf, das bereits zuvor breit behandelt worden war. Die Juden haben sich mithilfe des Gesetzes bemüht, gerecht zu werden. Das hat nicht funktioniert, aber das kann man ihnen nicht vorwerfen. Deshalb wünscht sich Paulus die Rettung Israels.

Dienstag, 19. Februar, Römer 10, 5–13

Ziel des Gesetzes

Die Juden verstehen nicht, worum es bei der Gerechtigkeit Gottes wirklich geht. Paulus nimmt seine Landsleute in Schutz, will kein hartes Urteil über sie aussprechen. Für ihn ist aber ganz klar: Das Gesetz ist an sein Ziel gekommen. Es ist fraglich, welches Gesetzesverständnis Paulus hier im Blick hat, ob er den eigentlichen Sinn des Gesetzes vielleicht zu seinen Gunsten wendet. Eigentlich ist das Gesetz, die Tora, das Siegel der Erwählung. Kein Jude verdient sich sein Heil durch das Befolgen des Gesetzes. Die Tora ist ein Wegweiser, wie man in der Erwählung bleibt. Deshalb ist es nun auch an sein Ziel gekommen. Der Glaube tritt an seine Stelle. Das Gesetz hat demnach als Garant der Verheißung ausgedient, in diesem Sinn ist es an sein Ende gekommen. Der Glaube ist nun das entscheidende Kriterium. Wer wahrhaft glaubt, der wird gerettet werden. Und es gibt hier keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden. Das Bekenntnis zu Christus ist der Punkt, der über Leben und Tod entscheidet. Das Gesetz als Heilsraum ist abgelöst.

Mittwoch, 20. Februar, Römer 10, 14–21

Kern des kirchlichen Auftrags

Paulus unternimmt einen zweiten Anlauf, um die Frage zu klären, warum die Juden die Botschaft von Christus mehrheitlich nicht annehmen und was das für Konsequenzen hat. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass die Juden Christus nicht anrufen. An ihn glauben sie nicht. Paulus entschuldigt dies und kehrt die Blickrichtung um. Es ist Aufgabe von ihm und von anderen Christen, die Juden mit der Botschaft des Evangeliums vertraut zu machen. Denn man kann nicht glauben, wenn man nichts von Christus gehört hat. Das ist die theologische Grundlage jeder Missionstätigkeit, das ist der Kern des kirchlichen Auftrags heute, die Begründung für das Predigtamt in der Kirche. Der Glaube kommt aus dem Hören. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Sätze des Römerbriefs. Die Predigt des Evangeliums ist das Kerngeschäft der Kirche. Man kann ihn als theologische Grundüberzeugung isolieren. Aber für Paulus ist dieser Satz im Kontext der Frage nach dem Judentum zu verstehen. Die Juden haben die Predigt gehört, aber sie haben trotzdem nicht geglaubt.

Donnerstag, 21. Februar, Römer 11, 1–10

Die Erwählung gilt

Paulus summiert seinen bisherigen Gedankengang: Die Erwählung Gottes ist nicht zurückgenommen. Die Juden haben die Predigt des Evangeliums gehört. Also bleibt noch eine Antwort: Gott hat die Juden verstoßen. Auch diese wird zugleich zurückgewiesen: Das sei ferne! Dies ist auch nur logisch. Im Grunde kehrt die Frage nach der Erwählung wieder. Wenn Gott treu zu seinem Volk steht, dann kann er es auch nicht verstoßen. Paulus nimmt sich selbst als Beispiel. Er weist sich als vorbildlicher Jude aus. Er zählt sich zu dem Rest Israels, der Gott treu geblieben ist. Am Beispiel der Elia-Baal-Geschichte zeigt er, dass Gott aus Gnade wenige Juden mit hineingenommen hat in den Christusglauben. Dies geschah aus reiner Gnade. Wie zur Zeit Elias ein göttlicher Rest bewahrt worden ist, so wird nun auch wieder ein Rest bewahrt. Man spürt Paulus die Sorge an, man merkt, dass ihn seine eigene Lösung nicht befriedigt. Er will Israel festhalten, obwohl die Juden nicht an Gott glauben. Er sucht in seiner Bibel nach Trost und findet nur Dunkelheit.

Freitag, 22. Februar, Römer 11, 11–24

Das Bild vom Ölbaum

Eine neue Frage, aber alte Thematik. Gibt es eine positive Wendung? Ergibt es vielleicht einen Sinn, dass Israel sich nicht Christus zugewandt hat? Gibt es einen verborgenen Plan Gottes? Das wäre ein Trost. Und tatsächlich: Paulus kann sich vorstellen, dass Gott Israel als pädagogisches Mittel benutzt hat. Die Juden werden nicht in ihr Verderben gehen. Das ist für Paulus klar. Dass sie zunächst nicht an Christus glauben, motiviert vielmehr die Heiden, ihrerseits zum Glauben zu kommen. Paulus will durch seinen Dienst als Apostel der Heiden seine jüdischen Landsleute eifersüchtig machen. Dazu bemüht er das berühmte Bild vom Ölbaum. Israel ist ein Ölbaum, in den die Heiden eingepfropft werden, eine antike Agrartechnik, mit der ein Baum mehr Ertrag bringt. Israel als Wurzel trägt die Heiden jetzt mit. Die Heiden werden in die Erwählung Gottes einbezogen. Und diejenigen, die jetzt aus dem Baum entfernt wurden, weil sie nicht an Christus glauben, können auch wieder einbezogen werden. Für Israel ist es also noch nicht vorbei. Ihr Unglaube ist nur eine Etappe auf dem Weg.

Samstag, 23. Februar, Römer 11, 25–36

Die unerforschlichen Wege Gottes

Paulus hat keine überzeugende Antwort gefunden. Dies wird im Laufe der Zeit immer ersichtlicher. Israel bekehrt sich nicht zu Christus, ihr „Fall“ ist vielleicht doch nicht nur eine Etappe auf dem Weg. Schon Paulus scheint das geahnt zu haben. Deshalb bricht er am Ende aus seiner eigenen Frage aus. Er zieht sich auf seine Bibel zurück und entnimmt ihr nun die Hoffnung, dass Gott seine Erwählung aufrechterhalten wird. Im Grunde zieht er sich in Demut zurück und überlässt dem Geheimnis Gottes das Feld. Seine theologischen Überlegungen haben sein Problem nicht gelöst. Jetzt hält er an eigentlich aus menschlicher Sicht unvereinbaren Dingen einfach fest und erklärt, dass ganz Israel gerettet werden wird. Gott nimmt seine Erwählung nicht zurück. Und wie dies mit dem Glauben an Christus zusammenhängt, kann der Mensch nicht wissen. Paulus bleibt am Ende nur noch, sein Vertrauen in die unerforschlichen Wege Gottes auszudrücken. Es ist ein Geheimnis, wie Israel gerettet werden wird, aber dass es ganz gerettet wird, das ist ein Satz des Glaubens. Paul Metzger