Die wahre Weisheit

Pfarrerin Silke Gundacker
Pfarrerin Silke Gundacker

Andacht zum Sonntag Septuagesimä

von Pfarrerin Silke Gundacker

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Prediger 7, 15–18

Es gibt Fragen, die uns immer wieder bewegen und aufreiben: Wer hat sie nicht schon einmal gestellt? Wenn etwas Tragisches passiert, sind wir aufgewühlt und machen uns Gedanken darüber. Ängste kommen hoch. Und dann fragen wir: „Wieso hat es diesen Menschen so hart getroffen? Wir kennen ihn doch persönlich. Da kam doch nie ein böses Wort über seine Lippen. Er war immer freundlich und hilfsbereit, stets auf das Wohl der anderen bedacht. Und wieso muss die junge Mutter mit ihrer Krebserkrankung so viel durchmachen? Ihre Kinder brauchen sie doch.“

Bei anderen Menschen wiederum wundern wir uns darüber, wie leichtsinnig sie mit ihrer Gesundheit umgehen, ihr Leben gefährden, und doch scheinen sie robust zu sein und sicher durchzukommen. Wenn wir solche Fragen stellen, gerät unser Lebensbild ins Wanken. Schnell zweifeln wir an Gott und sagen: „Das darf doch nicht wahr sein.“

Wir meinen, so wie wir uns verhalten, muss es uns ergehen. Dass es in unserem Leben jedoch oft ganz anders als erwartet zugeht, erfahren wir immer wieder. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang, der eine gängige Vorstellung von Menschen zur Zeit des Alten Testamentes ist, wird hier jedoch durchbrochen. Er ist in die Krise gekommen, denn nach der Exilszeit des Volkes Israel und der Vergrößerung der Kluft zwischen Reichen und Armen, wurden viele Hoffnungen enttäuscht.

Dieser Textabschnitt aus dem Buch des Predigers führt uns zunächst einmal vor Augen, wie drastisch das Leben sein kann. „Ein Gerechter geht zugrunde … ein Gottloser lebt lange.“ Da wird unsere Glaubensvorstellung umgedreht. Eine solche Sichtweise wäre eine falsch verstandene Weisheit. Solche Fragen dürfen wir uns nicht stellen. Sie belasten nur und führen nicht weiter. Sie zermürben und unterdrücken jegliche Lebensfreude. Wir landen in einer Sackgasse. Es ginge nur noch um gut oder böse, positiv oder negativ, schwarz oder weiß.

Dieser Text möchte, wie ich meine, uns zu einer neuen Sichtweise anleiten. Es geht nicht darum, dass wir in Gegensätzlichkeit und Extremen denken. Wer ständig perfekt sein möchte, merkt schnell, wie er an seine Grenzen gelangt. Wenn wir uns immer nur bemühen, dass wir jung, aktiv, dynamisch, motiviert, flexibel und gut gelaunt dastehen, setzen wir uns unter enormen Druck. In unserer Gesellschaft, in der alles auf Leistung ausgerichtet ist, scheint gerade ein solches Bild von uns Menschen erstrebenswert zu sein. Immer müssen wir schneller, besser und perfekter sein. Nur so können wir ­gesellschaftliches Ansehen gewinnen. Dann sind wir auf der Erfolgsschiene und können nach „oben“ gelangen. Dabei sehen wir nur auf uns selbst. Es geht um unser Vorwärtskommen, um unseren Erfolg, um unser Wohlergehen.

Die negative Seite einer solchen Lebenseinstellung ist, dass wir schnell überfordert, überlastet und ausgelaugt sind. Wir drehen uns wie in einem Hamsterrad um uns selbst und werden womöglich unglücklich, unzufrieden und unfrei. In unserem Leben gibt es nicht nur Sonnenseiten. Und dann kommt noch hinzu, dass Menschen, die allzu sehr an sich selbst denken und einseitig von sich selbst überzeugt sind, ihren Glauben an Gott schon lange verloren haben.

Nun geht es um die neue Sichtweise, um die wahre Weisheit, um die neue Richtschnur in unserem Leben. Wichtig ist laut dem Prediger, dass wir eine umfassendere Sicht unseres Lebens gewinnen und es nach dem Glauben ausrichten. Statt einseitig nur an sich selbst und sein eigenes Vorwärtskommen zu denken, gilt es, auch die anderen Menschen im Blick zu haben, Gefühle zuzulassen, sich Ruhepausen zu gönnen, sich zu besinnen und neue Kraft zu tanken. Endlich können wir Ideen verwirklichen, neue Aufgaben wahrnehmen, vieles gestalten und anpacken. Wie schön ist es, wenn wir den Mut haben, auf andere Menschen zuzugehen, mit ihnen zu reden. Wir können dann frei und offen für neue Erfahrungen sein, geben und empfangen. Neue Lebensfreude wird sich einstellen. Wir entdecken wieder Sinn in unserem Leben und finden Zugang zu Gott sowie Kraft im Gebet.

Dann sehen wir unseren Glauben nicht nur in Gegensätzen, sondern können aus dem Leid einen neuen Anfang erhalten, aus Resignation wird Mut, aus Verzweiflung entstehen Hoffnung und neue Lebenskraft. Gott möchte nicht das Leid. Gott kann es nicht verhindern, aber wir alle dürfen gewiss sein, dass Gott in allen Lebenslagen an unserer Seite steht. Er schenkt uns seine Liebe. Das hat Einfluss auf uns, es bewegt uns, es verändert uns. Gott lässt uns neue Hoffnung gewinnen, so wie aus dem Kreuz Jesu Christi ein neuer grüner Zweig der Hoffnung wächst und fortan gedeiht.

Silke Gundacker ist Pfarrerin in Contwig und Stambach im Kirchenbezirk Zweibrücken.

Gebet

Herr, unser Gott, in aller Hektik und allem Trubel unserer Zeit verlieren wir uns schnell und denken nur noch an uns selbst. Öffne unseren Horizont, schenke uns Weitblick, damit wir unser Leben dir getrost anvertrauen. Du sorgst für uns und für das Heil aller Menschen. Du wendest Leid in Zuversicht, und ein grüner Zweig der Hoffnung wächst. Lass uns deine Liebe spüren. Amen.