Alles soll anders werden

Pfarrer Christoph Knack
Pfarrer Christoph Knack

Andacht zum zweiten Advent

von Pfarrer Christoph Knack

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen. Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Jesaja 35, 3–10

Coming home for Christmas? Müde sitzt die junge Frau im Zug. Bepackt mit Geschenken. Wahrscheinlich wird ihre Mutter wieder nur säuerlich lächeln über ihre Auswahl. Dabei hat sie sich wirklich viele Gedanken gemacht. Und mit Vater gibt es spätestens am ersten Feiertag Streit. Er versteht ihre Entscheidungen im Beruf nicht. Auch dieses Jahr hat sie sich eher unwillig auf die Reise begeben. Lieber würde sie mit einer Freundin feiern, ohne Baum, ohne Geschenke. Aber die Freundin ist auch in ihr Heimatdorf gefahren. Weihnachten ist ja das Fest der Familie …

Coming home for Christmas? Die Erlösten sollen wiederkommen. Nach Zion. Gott verspricht es. Alles soll anders werden. Ja, es geht nach Hause. Aber mit ganz neuen Aussichten und ganz neuen Tönen! Wasser in der Wüste und neues keimendes Grün. Fußlahme tanzen und Raubtiere sind vertrieben. Ein neues Zuhause? Ist das möglich?

Coming home for Christmas? Beinahe hätte sie es verpasst, auszusteigen. Bei all der Müdigkeit in den letzten Wochen vor Weihnachten ja kein Wunder! Gerade noch rechtzeitig war sie aufgewacht und hatte den Koffer und die Taschen mit den Geschenken zusammengerafft. Jetzt steht sie im nasskalten Wetter vor dem Bahnhof und studiert die Bustafeln. Noch nie konnte sie sich die Abfahrtzeiten merken. In einer halben Stunde würde sie vor dem Elternhaus stehen. Rechtzeitig zum Kaffee immerhin. Während sie noch auf den Fahrplan starrt, tippt ihr jemand auf die Schulter; ihr Vater steht da: „Ich dachte ich hole dich ab. Du klangst diesmal so besonders müde am Telefon.“ Mit großen Augen schaut sie ihn an. Damit hatte sie nicht gerechnet!

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“ Denn alles soll anders werden. Gott kommt zu seinem Volk und schafft ein neues Zuhause. Ein Zuhause, das befreit ist. Befreit von den alten Feinden, von den festen Rollenmustern und fiesen zwischenmenschlichen Spielchen. Die Schakale dürfen mal in der Mottenkiste bleiben, die Löwen ihre Krallen einziehen. Die Familie Gottes, die müden Menschenkinder – sie dürfen hoffen auf einen Ort, wo das Leben aufblüht.

Coming home for Christmas! Als die junge Frau nach Weihnachten auf der Rückfahrt wieder im Zug sitzt, muss sie die letzten Tage nochmal durchdenken. Ja, es gab auch diesmal einen kurzen Streit. Doch diesmal kann sie darüber lachen. Und manches hatten sie zusammen tatsächlich mal anders gemacht. Mutter hatte darauf verzichtet, ein Menü aufzutischen. Das war nicht nur für sie eine Entspannung. Stattdessen hatten sie zusammen einfach Eintopf gekocht. Auch gab es tatsächlich keine Kommentare ihres Vaters über ihre Arbeit. Sie hätte nicht geglaubt, dass die Familienmuster zu Hause sich doch ändern können! Eine Melodie aus der Christvesper in ihrer Dorfkirche geht ihr durch den Kopf. Die war ihr neu, die klang nach Trost. Nur die eine Textzeile nimmt sie noch daraus mit: „Das mag ein Wechsel sein!“ Ja, das ist dieses Jahr ihre ganz persönliche frohe Botschaft. Entspannt streckt sie die Beine aus und summt vor sich hin. Jetzt freut sie sich auf die Silvesterparty mit den Freundinnen.

An Weihnachten nach Hause? Die Familie Gottes wartet auf Veränderung. Feste Traditionen zu Hause können Geborgenheit schenken. Sie können es aber auch eng und steif machen. Unter all den Blinkelementen ist Weihnachten vielleicht für so manchen dürr und karg geworden. Und andere fürchten gar mit zittrigen Knien, dass die Raubtiere genau pünktlich zur Bescherung wieder aus dem Käfig gelassen werden. Aber auf dem Weg nach Weihnachten kommt der Familie Gottes eine Stimme entgegen: „Fürchtet euch nicht!“ Kann der Schmerz über die verlorene Heimat von uns müden Menschenkindern abfallen? Weihnachten darf anders werden …

Kein Mensch kommt in weihnachtlicher Zeit ja ganz nach Hause. So sehr wir die Wohnung auch aufpolieren und streng nach Omas Rezept den Braten zubereiten. Wir sitzen im Advent in Autos, Zügen und Bussen und sehnen uns, anzukommen. Dabei kommt Weihnachten zu uns. Einer kommt zu seinen Menschenkindern, die immer irgendwo unterwegs sind. Vielleicht tippt er auch dir sanft auf die Schulter: beim Warten in der Wüste, im Schneeregen an der Haltestelle, erschöpft zwischen Kühltruhen und Stapeln auf dem Schreibtisch. Gejagt von Schakalen und Löwen im Hinterkopf und in der Magengrube. Er tippt dir auf die Schulter und lächelt: „Du siehst müde aus. Ich dachte, ich hole dich diesmal hier schon ab.“

Christoph Knack ist Pfarrer in Ludwigshafen-Gartenstadt.

Gebet

Ach Gott, hol du mich ab. Ewiger Gott, hol mich aus meinem Zeitplan. Gnädiger Gott, hol mich aus meiner Furcht. Komm mir entgegen und befreie mich. Komm uns allen entgegen, deiner Menschheitsfamilie. Wir seufzen unruhig und ängstlich. Du, Gott, Friedensbringer, schenke uns Heimat bei dir. Amen.