Bibellese

Sonntag, 9. August, Psalm 141

Eine Allegorie

In der wunderschönen Allegorie „Die Pilgerreise“ beschreibt John Bunyan die Reise eines Christen durch die Welt mit all ihren Gefahren und Verlockungen. Im Verlauf der Reise kommt der Christ zum Berg der Schwierigkeiten, und er erblickt zwei Löwen, einen auf jeder Seite seines Wegs. Die Erschwernisse der Bergbesteigung meistert er, nun liegt die Angst vor ihm. Die Löwen brüllen gierig vor Hunger. Im Leben hat man nie lange Ruhe. Manchmal ist ein Schrecken vorbei, und der nächste wartet schon an der Ecke. Der Christ trifft den Pförtner des nahe gelegenen Tors. Dieser beruhigt ihn, er solle keine Angst haben vor den Löwen. Diese seien angekettet. Er müsse nur in der Mitte des Wegs bleiben, dann werden sie ihm schon kein Leid antun. Gott führt uns nicht um Schwierigkeiten herum, sondern durch Schwierigkeiten hindurch. Der Beter des Psalms wusste das sehr gut. Deshalb betet er: „Bewahre mich vor den Fallen“ und nicht: „Lass mich nie in Schwierigkeiten kommen“. Und wir können uns darauf verlassen, dass unser guter Hirte ein zuverlässiger Begleiter ist, wie beängstigend auch unsere Löwen wirken.

Montag, 10. August, Markus 6, 1–6

Die Blütenstadt

„Lieber Herr Jesus aus Nazareth, zieh in mein Herz ganz leis, dass in mir wachs und blüh’ dein Paradeis. Amen.“ Ein Gebet aus meiner Präparandenzeit. Erst viel später im Studium entdeckte ich die Tiefe dieses Gebets. Der Name der Heimatstadt Jesu „Nazareth“ leitet sich vom hebräischen „neser“ her. Das heißt „Blüte“. Jesus aus der Blütenstadt. Welch Widerspruch zu dieser Szene aus dem Markusevangelium. Jesus blühen keine freundlichen Worte. Nein, Nazareth erscheint ganz und gar unempfänglich für Jesu Worte und Taten. Eine Welt der Rechthaberei, in der ich mich so bequem eingerichtet habe, weil ich sie selbst im Leben so oft erfahren musste. Jesus aus der Blütenstadt – dieser Name verheißt: Nazareth wird verwandelt. Wir werden verwandelt, bleiben nicht so wie wir sind. Unsere Wüsten der erfahrenen Enttäuschungen, der Selbstgerechtigkeit, der Vorurteile werden in seinem Namen neu erblühen.

Dienstag, 11. August, Markus 6, 7–13

Jesu provozierende Worte

So ginge ich nie zu einem Geburtstagsbesuch in der Kirchengemeinde. Mindestens ein Andachtsheftchen oder ein kleiner Blumenstrauß muss es sein. Ohne irgendetwas zu klingeln, meiner Person genügend, das wäre peinlich. Zugleich könnte ich so nicht leben: kein Gehalt, keine Versicherung, wo bleibt das Dach über dem Kopf, Socken ohne Loch, das Smartphone, die frisch gewaschene und gebügelte Wäsche? Diese Worte Jesu provozieren mich. Ohne alles soll ich losziehen – nur mit Vollmacht ausgestattet. Eigentlich hat er recht. Er geht meine Wege mit der Kraft des Lebens mit. Und wie oft habe ich diese Kraft schon erfahren, wenn ich meinte, dass mir das Leben zwischen den Fingern zerrinnt? Wie wäre es mal wieder mit etwas mehr Vertrauen in Jesus und in mich selbst? Schließlich hat er mich ja ausgestattet. Aber das Wichtigste: Er ist mit dabei. Er ist größer als alles, wovor ich mich sorge!

Mittwoch, 12. August, Markus 6, 14–29

Opfer der Wahrheit

Auch heute noch gibt es genügend Opfer der Wahrheit. Ein Blick nach Russland oder in die Türkei zeigt es uns. Und Amerika ist auch nicht weit von einem solchen Gehabe entfernt, wenn „Fake News“ und „alternative Wahrheiten“ beginnen, Wahrheiten zu verdrehen, zu verfälschen, ihre Wahrheitsredner stigmatisieren. Der Täufer Johannes liebt die Wahrheit. Er hüpfte schon im Mutterleib für sie. Er spricht klare Worte: Wer keinen guten Weizen, keine Frucht der Wahrheit bringt, wird untergehen. Das Verhältnis zu Wahrheit ist bis heute stets variabel: unentschieden wie Herodes, der Johannes gerne zuhört; ängstlich wie Herodias, die um ihre Verfehlung, die Johannes anprangert, weiß; instrumentalisiert wie Salome, die sich als loyal gegenüber der Angst der Mutter erweist; entschieden wie Johannes, der anspricht, was nicht Gottes Wille ist. Auch wir sollen unsere Wahrheit vor Gott erkennen.

Donnerstag, 13. August, Markus 6, 30–44

Macht der Gemeinschaft

Eine Meinungsverschiedenheit zwischen Jesus und seinen Jüngern. „Schick sie weg! Es sind zu viele.“ So wollen die Jünger die abendliche Situation entschärfen. „Gebt ihnen zu essen“, entgegnet Jesus dem Vorschlag seiner Jünger, auch wenn das, was sie haben, nach menschlichem Ermessen nicht ausreichen kann. Aber predigen allein reicht nicht aus, um den Menschen das Reich Gottes vor Augen zu führen. Und so beginnt das Wunder seinen Lauf zu nehmen. Jesus stiftet ein Mahl der Gemeinschaft nicht erst am Vorabend des Passahfests in Jerusalem, nicht nur damals sondern immer wieder neu. In unseren Kirchen feiern wir das Abendmahl. Wir erleben Gemeinschaft, wo Brot und gute Worte auf dem Tisch sind. In unserer Kirchengemeinde ist es üblich, dass es bei Veranstaltungen ein „Mit-Bring-Büfett“ gibt. Noch nie kam es vor, dass nicht genug für jeden da gewesen wäre. Die Freude, das Zubereitete gegenseitig zu probieren, und der Austausch der Rezepte zaubern ganz viel Atmosphäre. Und so ist das Essen immer mehr als bloße Nahrung. Wir sollten nur das Dankgebet nicht vergessen.

Freitag, 14. August, Markus 6, 45–56

Jesus stillt den Sturm

Im letzten Jahr fuhr die Erwachsenenbildung unseres Dekanats in den Spreewald. Ein Highlight waren natürlich die romantischen Fahrten in den traditionellen Spreewaldkähnen. Aber genauso kann eine Seefahrt auch erschreckend sein. Wie viele Menschen sind wohl im Mittelmeer auf ihrem Fluchtweg nach Europa ertrunken? Keiner vermag es zu sagen. Jesu Jünger sind auf dem See Genezareth in Seenot geraten. Ihnen fehlt die Kraft, sich gegen Wind und Wellen des Lebens zu behaupten. Jesus bemerkt das. Er macht sich auf den Weg zu ihnen. Doch die Jünger sind so sehr auf ihre Angst konzentriert, dass sie ihn nicht erkennen. Die mit Jesus erlebten Wunder der vergangenen Tage sind vergessen, vom Winde verweht. Jesus meistert die Situation – Wind und Wellen legen sich. Die Jünger hingegen verstehen nicht. Ganz anders die Menschen am anderen Ufer. Sie bringen im Vertrauen auf seine Vollmacht ihre Kranken zu Jesus. Ihr Vertrauen ist sogar so groß, dass sie nur den Saum seines Gewands berühren müssen, um Heilung an Leib und Seele zu erfahren.

Samstag, 15. August, Markus 7, 1–15

Harte Worte Jesu

Wie andere Reden Jesu gegen Pharisäer und Rechtsgelehrte, ist auch diese schwere Kost. Der Jesus des Markusevangeliums hat mit dem „lieben Jesulein“, wie wir es uns gerne ausmalen, nichts zu tun. Im ältesten der Evangelien wirkt Jesus öfters rau. Einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt und schonungslos den Spiegel vorhält. Detaillierte Regeln einhalten, genügt Gott nicht. Ohne inneren Anstand und Rechtschaffenheit ist das alles sinnlos. Nicht auf die äußere, sondern auf die innere Ordnung kommt es an. Sieht man sich heute um, ahnt man freilich, wie recht Jesus hatte. Der Hass auf andere wächst und wächst. Eine zunehmende Gereiztheit allem und jedem gegenüber macht das Leben schwer. Wie viel sinnlose Wut, wie viel Schädliches und Böses ist erkennbar. Und nicht nur in den anderen. Auch in mir. Gut-Werden verlangt einen lebenslangen Prozess der Selbsterziehung. Moral kann man nicht auslagern: Andere sollen gut sein, sich an die Regeln halten und so weiter. Zuerst geht es um mein eigenes Inneres. Dieser ehrliche Blick auf sich selbst ist nicht leicht, aber nötig, denn wenn diese Fähigkeit zur Innenschau wegbricht oder vernachlässigt wird, schießt das Üble wie Unkraut. Menschen brauchen Regeln. Doch Gesetze allein genügen nicht. Mehr noch braucht es ethisch handelnde und fühlende Menschen, die die Kunst der Innerlichkeit und Menschlichkeit verstehen. Es braucht beides: eine äußere wie eine innere Ordnung. Jesus will uns klarmachen, wie wichtig die innere ist, und dass wir dafür verantwortlich sind. Lars Stetzenbach