Bibellese

Sonntag, 18. Oktober, Psalm 119, 121–128

Gottes Gebot ist mehr wert

Der Beter lebt in Übereinstimmung mit Gottes Recht. Doch er macht die Erfahrung, dass er bedroht wird. Die Stolzen scheinen ihm nachzustellen. Sie kümmern sich wohl nicht um Gottes Weisung. Vielleicht fühlen sie sich sogar geradezu provoziert. Wer auf Gottes Gebot hinweist, andere tadelt oder zur Umkehr aufruft, macht sich keine Freunde. Dabei fühlt sich der Beter durchaus selbst als Suchender. Er bedarf selbst der Unterweisung, um Gottes Wort richtig zu verstehen. So hat er Gottes Willen nicht einfach als festen Besitz, sondern muss immer wieder nach diesem forschen und Gott bitten, ihm doch das richtige Verständnis zu eröffnen. Der Zeitpunkt ist gekommen, wo Gottes Handeln angebracht wäre. Denn seinem Gesetz wurde Gewalt angetan. Es wird demnach nicht nur ignoriert, sondern verspottet, abgeschafft, ersetzt. Demgegenüber hebt der Beter den unbeschreiblichen Wert von Gottes Gebot hervor. Es ist mehr wert als das wertvollste Edelmetall, kostbarer als Gold. Wird hier Gottes Wort bewusst materiellen Versuchungen entgegengestellt?

Montag, 19. Oktober, Jeremia 17, 5–13

Glauben gegen den Augenschein

Zwei verschiedene Lebenseinstellungen erkennt Jeremia. Die eine verlässt sich auf Menschen und blendet Gott aus. Sie gleicht einem Leben in der Wüste, wo das dürre Land keine Früchte hervorbringen kann. Die andere Einstellung setzt ihr Vertrauen auf Gott. Sie gleicht dem Leben eines Baums, der am beständigen Wasser steht, aus dem er sich nährt. Selbst eine kommende Dürre kann ihm nichts anhaben. Somit spricht Jeremia dieselbe Einsicht wie Psalm 1 aus. Aber widerspricht sie nicht seiner eigenen Erfahrung? Er wird doch trotz seiner Treue zu Gott von Feinden verfolgt, muss Leid ertragen und auf Familie verzichten! So scheint er an einem Glauben gegen den Augenschein festzuhalten. Der Mensch ist in seinem Kern außerdem nicht durchschaubar. Wer weiß schon, was wirklich im Menschen vorgeht? So muss jedes Urteil vorläufig bleiben. Nur Gott sieht ins Herz hinein. Zudem stellen sich die Früchte des Handelns oft erst spät ein. Doch alles Trügerische und Rätselhafte löst sich letztlich im Bekenntnis zu dem ewigen und herrlichen Gott auf.

Dienstag, 20. Oktober, Jeremia 18, 1–12

Die Macht des Töpfers

Wenig spektakulär scheint der Auftrag Jeremias, zum Töpfer zu gehen und sich dessen Arbeitsvollzug anzuschauen. Dieses Mal soll sich Jeremias Handeln auf aktives Zuschauen beschränken. Doch gerade in der jedem Zeitgenossen bekannten Alltäglichkeit der Töpferarbeit liegt auch der Verkündigungswert des Gleichnisses. Dazu kommt die Aussagekraft, die in Anschaulichkeit und Dynamik des schöpferischen Töpferns liegt. So, wie der Töpfer einen missratenen Krug mit wenigen Bewegungen umformen kann, so kann Gott mit jedem Volk verfahren, also das Geschaffene auflösen. Diese Schaffenskraft erinnert an das Formen des ersten Menschen aus Erde. Bei Jeremia ist sie zur Drohung gewendet, schließt aber auch die grundsätzliche Möglichkeit der Umkehr des Volks und der Reue Gottes nicht aus. Israel scheint seinen Vorzug gegenüber den anderen Völkern aufgrund seines untreuen Verhaltens zu verlieren. Denn jedes Volk kann abhängig von seinem Handeln Gottes Gnade erfahren oder deren Entzug zu spüren bekommen. Gottes Heilsplan bleibt offen.

Mittwoch, 21. Oktober, Jeremia 19, 1–13

Scherben als Drohung

Erneut dient ein Gegenstand des Alltags, nämlich ein Tonkrug, der Vermittlung einer göttlichen Botschaft. Diesmal erfolgt die Zeichenhandlung vor rechtsfähigen Zeugen, Ältesten und Priestern, um den Ernst und die Glaubhaftigkeit der prophetischen Mitteilung zu unterstreichen. Die Botschaft des zerbrochenen Krugs richtet sich über den Kreis der ehrenwerten Zeugen an alle Bürger der Hauptstadt, die einerseits als Inbegriff für den Unheil bringenden Götzendienst, andererseits als Repräsentantin für das ganze Land steht. Dabei handelt es sich beim Zertrümmern des Krugs nicht etwa um eine Zauberhandlung, die selbstwirksam wäre. Vielmehr ist der Krug lediglich Zeichenträger, der Prophet ist Botschafter ohne magische Kräfte. Die Zukunft bleibt Gottes Entscheidung vorbehalten; so kann es auch keine terminliche Vorausberechnung des drohenden Unglücks geben. Die Deutung der Handlung liefert Jeremia gleich mit: So wie der Krug zerbrochen wird, so werden auch Volk und Land zerschmettert. Die Erfahrung von Kriegsgräueln dürfte Pate gestanden haben.

Donnerstag, 22. Oktober, Jeremia 20, 7–18

Jeremia klagt Gott an

Die persönliche Klage in bedrohlicher Lage bildet den Tiefpunkt in Jeremias Stimmung. Der Prophet wirft Gott unlautere Überredungskünste vor, als er ihm seinen Auftrag erteilte. Nun muss Jeremia den Preis dafür bezahlen, dass er sich überreden ließ, nämlich Spott und Verfolgung. Ernsthaft dachte er darüber nach, von seiner Beauftragung zurückzutreten. Aber schon der Versuch löste seelische und körperliche Qualen in ihm aus, die wie Feuer brannten. So war dies keine Option. Deutlich bleibt somit, dass es nie eine eigenmächtige, letztlich auch keine freie Entscheidung war, Gottes Wort zu dienen. Das verleiht Jeremia auch das Recht zur Klage. Er wird schließlich nicht als Mensch, sondern als Prophet Gottes angefeindet. Einen Zweifel daran, dass es tatsächlich Gottes Wort ist, das er vertritt, hat er nicht. So bleibt Gott auch Adressat des Klagelieds. Gottes Auftrag umfasst bei Jeremia alle Aspekte der Existenz, fordert ihn ganzheitlich. Auch im Elend hält Jeremia daran fest, dass zwar Gott, nicht aber Menschen ihn überwinden können.

Freitag, 23. Oktober, Jeremia 21, 1–14

Orakel spricht Klartext

Jeremias Ansehen scheint inzwischen zugenommen und bis in königliche Kreise Anerkennung gefunden zu haben. Denn die von ihm lange angekündigte, aber auf taube Ohren stoßende Bedrohung der Stadt steht jetzt in Gestalt des babylonischen Heers vor den Stadtmauern. So schickt König Zedekia eine Gesandtschaft zu Jeremia. Es war nicht unüblich, in Krisenzeiten bei Sehern eine Art Orakel einzuholen. Doch anders als das griechische Orakel von Delphi spricht Jeremia alles andere als rätselhafte, sondern schockierend klare Worte: Wenn ihr zumindest euer nacktes Leben retten wollt, dann ergebt euch am besten, sonst werdet ihr sterben. Jeremia muss die Hoffnung des Königs zunichtemachen, dass Gott dem Volk wie in früheren Zeiten gnädig sei. Aus Gottes Handeln in der Vergangenheit lässt sich weder eine Regel noch ein Anspruch ableiten. Gott entscheidet je neu. Sollte die Bevölkerung auf die Unantastbarkeit der heiligen Stadt gesetzt haben, so war dies eine Illusion. Gottes Gnade ist inzwischen sogar in Zorn umgeschlagen – gegen sein eigenes Volk.

Samstag, 24. Oktober, Jeremia 23, 1–8

Eine neue Hoffnung

Hat Jeremia immer wieder Unheil angekündigt, so mündet seine Verkündigung doch in die Verheißung einer Heilszeit. Mag die Linie des davidischen Königtums mit Zedekia als dem letzten König auch untergehen, Gott wird als Neuschöpfung des Königtums Davids einen neuen König erwecken. So endet die Geschichte Gottes mit seinem Volk nicht endgültig im Unheil. Das Volk wird nach dem Gericht zu neuer Blüte gelangen. Im Bild von den schlechten Hirten, die die Herde ins Unglück führten, wird das Versagen noch einmal auf den Punkt gebracht. Alle Verantwortungsträger, politische wie geistliche, damals ohnehin kaum zu trennen, dürfen sich angesprochen fühlen. Die Hoffnung von einem verbleibenden Rest, der in die Fremde verschlagen wurde, lässt die Zukunft nicht ganz dunkel erscheinen. Gott wird ihn sammeln und zurückführen. Es steht sogar die Wiedervereinigung der getrennten Reiche Israel und Juda in Rede. Ein Zeitalter des Friedens bricht an. Sein Anbruch markiert eine mit der einstigen Befreiung Israels aus Ägypten vergleichbare neue Heilszeit. Harry Albrecht