Das weiße Gewand

Pfarrer Klaus Zech
Pfarrer Klaus Zech

Andacht zum 19. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Klaus Zech

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Epheser 4, 22–32

Gott lädt uns ein, neue Kleider anzuziehen. Was für ein interessantes Bild! Wir sind ja alle aus ganz verschiedenen Stoffen gewebt: Fritz-Ludwig Lodengrün zum Beispiel, der schwer an seiner Bürde trägt. Über alles Mögliche denkt er nach und grübelt. Er macht sich das Leben und seine Entscheidungen nicht leicht. Ganz anders als Hans Grobkord, der daneben steht und sich fragt, warum die Erziehung heute so mit Härte spart. Haben nicht Belastbarkeit, Geduld und treue Amtspflicht ihn selbst in mancher Krise schon bewahrt? Oder Flanell und Samt, das Paar in Formvollendung, für das nur Schönheit zählt und das alles andere links liegen lässt – selbst das Gewissen.

Gott sieht uns alle vor sich wie in einer Modenschau der Charaktere. Er freut sich über diese Vielfalt, die er selbst geschaffen hat. Und doch ist unser eigener Zuschnitt vor ihm zu klein. Darum kommt er, der Modeschöpfer, in Jesus Christus zu uns Kreationen und gibt sich für uns als Änderungsschneider her. Er sagt: „Ihr alle seid aus herrlich bunten Stoffen, und jeden hab’ ich jahrelang gewebt. Man kann für euch und euren ganzen Schrank nur hoffen, dass ihr nach meinem Muster lebt.“ So heißt es im Textilientext von Andreas Malessa. Er macht deutlich, worum es auch im Epheserbrief geht. Dass wir nämlich nur durch Jesus Christus zum richtigen Infit und Outfit finden. Der Stoff, aus dem wir gemacht sind, ist gut. Aber nur in und durch Christus können wir vor Gott bestehen. Oder anders gesagt: Nur durch Christus wird etwas wirklich Gutes aus unserem Leben. Etwas, das sogar in Ewigkeit Bestand hat. Zieh’ also den neuen Menschen, zieh’ Christus an. Nur wenn du dich in ihn hüllst, bekommt dein Leben Sinn, und du stehst ordentlich vor Gott da.

„Kleider machen Leute“, sagt der Volksmund. Aber ist das Christsein nicht mehr als ein Kleidungsstück, das man drüberzieht? Kommt es nicht auf den oder die an, die drunterstecken? Allerdings ist das so. Es nützt nichts, wenn wir das Christsein nur wie ein Sonntagskleid oder einen guten Anzug über unser sonstiges Wesen drüberziehen und meinen, das wär’s jetzt. Gott setzt immer bei der Wurzel an. Er arbeitet nicht nur an der Fassade. Und er will – das zeigt der Fortgang unseres Texts – dass etwas Gutes auch für andere dabei herauskommt. Oberflächlichkeit ist nicht Gottes Ding. Aber das Wort vom neuen Menschen, den wir anziehen sollen, geht ja auch tiefer. Es meint nicht nur etwas, das wir drüberziehen, damit wir uns frommer fühlen. Denn „die Decke frommer, selbstgerechter Traditionen ist längst schon fadenscheinig und hüllt niemand ein“. Das war schon zu Jesu Zeiten so und nicht erst seit dem Missbrauchsskandal. Nicht wir und unser manchmal armseliges Erscheinungsbild sind der Kern unserer Botschaft, sondern Jesus Christus. Er ist der neue Mensch, den es anzuziehen gilt. Er ist die neue Existenz, die uns in der Taufe zugesprochen wird.

Der Aufruf, den neuen Menschen anzuziehen, stammt ja aus der Tauftradition. Wer in der frühen Christenheit getauft wurde und dadurch sein Leben Jesus übergab, bekam als Zeichen seiner neuen Existenz ein weißes Gewand.

Wer also Christus, den neuen Menschen, angezogen hat, der hat einen klaren Trennungsstrich gezogen zum Rahmen seines bisherigen Lebens. An manchen Stellen fällt er aus dem gewohnten Rahmen, und in anderen Bereichen findet er den richtigen Rahmen erst jetzt. Er lebt nicht mehr nur für sich und auf eigene Kosten, sondern er lebt in Christus und durch ihn auch für andere. Mit seinem neuen Kleid stellt er oder sie sich nicht selbst groß heraus, sondern macht anderen Freude. Bisher war dieser Mensch auf sich selbst fixiert. Alles drehte sich um ihn – was ja nur schwindelig macht. Was ihr oder ihm nutzte oder gefiel, das musste das Richtige sein. Was sie oder er dachte, das hatte zu gelten. Was sie erstrebte, war jeden Einsatz wert. Und sein Erfolg rechtfertigte jedes Mittel.

Jetzt aber soll das anders werden. Der Text bringt viele Beispiele dafür: Wahrheit statt Lüge verbreiten, Worte, die aufbauen, statt leeres Geschwätz, Gutes zum Weitergeben haben, statt anderen etwas zu stehlen – und sei es die Zeit. Die Bitterkeit ablegen, die einen herunterzieht. Endlich Zorn und Geschrei hinter sich lassen und stattdessen freundlich und herzlich miteinander umgehen. Das wäre genial.

Aus mir heraus schaffe ich das nicht. Appelle verpuffen. Ich brauche eine andere Kraft als die meine, nämlich die, die in Christus liegt. Er ist es, der das schafft, nicht ich. Und darum ist ein Christ auch kein guter, sondern ein neuer Mensch. Das ist ein Unterschied.

Klaus Zech ist Pfarrer in Katzweiler im Dekanat „An Alsenz und Lauter“.

Gebet

Gott, ich weiß, dass ich nicht weiterkomme, wenn ich mich nicht ändere. Und ich weiß, dass ich mich selbst nicht ändern kann. Darum bitte ich dich um deinen Geist und deine Kraft. Wirke du die Veränderung bei mir. Mach mich neu. Verändere diese Welt und fang‘ bei mir an. Amen.