Ein Auftrag mit Folgen

Pfarrer Martin Schuck
Pfarrer Martin Schuck

Andacht zum 9. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Martin Schuck

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Jeremia 1, 4–10

Jeder kennt das Sprichwort: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Tatsächlich sind viele zu irgendetwas berufen. Unser deutsches Wort Beruf zeugt davon, dass man sich selbst zu einer Tätigkeit berufen fühlen kann. Aber auswählen zu etwas Besonderem kann sich niemand selbst. Einen Menschen auswählen zu einer besonderen Tätigkeit kann nur derjenige, dem die Vollmacht zum Auswählen gegeben ist.

So lesen wir im Alten Testament, dass Gott die Vollmacht hatte, sich Propheten auszuwählen – auch gegen den erklärten Willen der Auserwählten. Gott erwählt Menschen, um diese sein Wort sprechen zu lassen; Gottes Wort, das je nach Anlass Unheil oder Heil verkündigt. Und Gott fragt nicht: „möchtest du das tun“, sondern: „du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dir gebiete“.

Diese Auswahl wider Willen hat niemanden so hart getroffen wie Jeremia. Obwohl er sich nicht zutraut zu predigen, weil er sich zu jung fühlt, wird er von Gott in eine nahezu ausweglose Lage gebracht. Er soll „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben“, aber auch „bauen und pflanzen“. Dass er von Gott über Völker und Königreiche gesetzt sein soll, wird er wohl selber kaum geglaubt haben, denn seine einzige Möglichkeit der Wirkung war das Wort – und das beeindruckt irdische Machthaber nicht immer.

Mit seinen menschlichen Worten soll er den Willen Gottes über die verstockten Machthaber des von Gott einst erwählten Volkes Israel predigen. Das war für Jeremia nicht einfach nur gefährlich, sondern ziemlich aussichtslos. Eine Reihe unfähiger Könige und eine korrupte Oberschicht hatten das kleine Land mit seiner im alten Orient beispiellosen Sozialgesetzgebung der Thora zu einer ziemlich gewöhnlichen Sklavenhaltergesellschaft herunterge­wirt­schaf­tet. Dagegen sollten die von Gott erwählten Propheten predigen und zur Umkehr aufrufen. Anderenfalls drohe ein hartes Strafgericht Gottes.

Jeremia war nicht der Erste, der von Gott auserwählt wurde zu einer besonderen Aufgabe, und der versuchte, die Berufung zu verhindern, indem er auf seine Schwächen verweist. Schon Mose wollte dem Auftrag Gottes, das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei herauszuführen, durch Verweis auf seinen Sprachfehler entkommen. Ein Befreier mit einer schweren Zunge? Unmöglich! Aber Gott ließ sich schon damals durch die Ausrede des Mose nicht beeindrucken, genauso wenig wie jetzt von Jeremia. Und ähnlich wie Mose wird Jeremia sein ganzes Leben lang Gottes Auftrag nicht entkommen können. Er ist kein Kurzzeitprophet, der einmal einen wichtigen Auftrag auszuführen hat wie später Jona in Ninive. Nein, Jeremia wird sein Leben diesem Auftrag opfern – und es am Ende sogar verlieren.

Nirgendwo sonst im Alten Testament wird ein Mensch selbst so zur Botschaft wie Jeremia. Jeremia wird in den knapp vier Jahrzehnten, die zwischen seiner Berufung und der Verschleppung der Israeliten ins babylonische Exil liegen, nicht nur predigen, sondern sich als zeichenhafte Handlung selbst ein Joch auflegen; er wird von seinen Gegnern in eine schlammige Zisterne geworfen werden, und er wird in zahlreichen Liedern sein Leid klagen.

Beim Blick auf Leben und Leiden des Jeremia stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zwischen der Bedeutung eines Auftrags und den Folgen, die dieser Auftrag für den in die Pflicht genommenen hat. Ist es wirklich zumutbar, jemanden, der sich zu jung, zu schwach, zu unbeholfen fühlt, sprichwörtlich in die Höhle des Löwen zu werfen? Jeremia, rüttele du die Mächtigen in Juda auf wegen der Gefahr, die aus dem Norden droht! Mose, trete du vor den Pharao und sage ihm, er soll sein Volk ziehen lassen! Alles aussichtslose Unterfangen, ausgeführt von Leuten, die sich nicht für fähig dafür halten.

Aber gerade diese Beispiele zeigen, dass Menschen über sich hinauswachsen können. Plötzlich kommt dann doch von irgendwo her die Kraft, die dazu befähigt, alles durchzustehen. Mose findet die Kraft, vor den Pharao zu treten, und führt am Ende die israelitischen Sklaven in die Freiheit, Jeremia tritt in den Tempel und nennt diesen eine Räuberhöhle, wenn keine Umkehr zu einer gerechten Gesellschaft erfolgt.

Von Dietrich Bonhoeffer, dem in den letzten Tagen des Nationalsozialismus hingerichteten Theologen, stammt ein interessanter Gedanke, der erklären kann, was mit biblischen Personen wie Mose und Jeremia passiert ist, aber auch für jeden von uns gelten kann: Ich bin gewiss, schreibt er, dass Gott uns immer die Kraft gibt, die wir brauchen. Aber er gibt sie uns nie im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

Was also können wir von Jeremia und all den anderen schwachen Menschen, die Gott für Großes auserwählt hat, lernen? Nicht weniger als dieses, dass unsere menschliche Schwäche das Einfallstor für die Kraft Gottes ist.

Dr. Martin Schuck ist Verlagsleiter im Verlagshaus Speyer und Lehrbeauf­tragter an der ­Universität Landau.

Gebet

Herr, unser Gott, deine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Die Schwachheit Jesu am Kreuz hast du in die Kraft der Erlösung verwandelt. So lass uns unsere eigene Schwäche aushalten im Glauben daran, dass du uns so viel Kraft gibst, wie wir brauchen werden. Amen.