Helden des Alltags

Pfarrer Volker Janke
Pfarrer Volker Janke

Andacht zum Sonntag Exaudi

von Pfarrer Volker Janke

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Jeremia 31, 31–34

Sie sind Heldinnen und Helden des Corona-Alltags. Ihnen liegen die Menschen am Herzen. Die Krankenschwester auf der Intensivstation, die schon seit Wochen Schicht um Schicht schiebt und nur ab und zu mal einen Tag freihat. Die Angst vor der Ansteckung geht jeden Tag mit in die Klinik. Auch bei dem jungen Arzt, dessen Frau im Homeoffice arbeitet und sich um die beiden Kinder kümmert. Mittlerweile ist sie mit den Nerven am Ende – aber irgendwie hält sie durch. Auch der Psychologin mit dem übervollen Terminkalender geht es so. Der Reinigungskraft, der Verkäuferin im Discounter, dem Lehrer im Homeoffice, der Klinikseelsorgerin. Heldinnen und Helden des Alltags sind auch viele ehrenamtlich Engagierte. Sie alle helfen mit, den Alltag in der Krise zu meistern, damit das Leben vieler Menschen gerettet werden kann.

Angst und Verunsicherung spüren sie natürlich auch in ihren Herzen. Die Sorge um die Zukunft. Wie lange dieses Leben „außer der Reihe“ noch dauern soll und gut gehen wird. Andere haben existenzielle Sorgen: Wie werden sie die die Corona-Zeit als Selbstständige überleben? Darunter Einzelhändler, Gastronomen oder Dienstleister, die wochenlang ihr Geschäft schließen mussten. Deren Ängste und Verunsicherung kann ich nachvollziehen.

Die in den Herzen anderer aber nicht: Wenn sie die Corona-Pandemie ausnutzen, um populistische Hetze und rassistischen Hass zu schüren gegen Fremde, Geflüchtete, Andersdenkende. Wenn sie Verschwörungstheorien verbreiten. Oder die Krise als Gottes Strafgericht predigen. Dann spüre ich harte Herzen voller Ideologie und Verachtung, denen Menschenleben am Ende nicht viel bedeuten. Dann erschrecke ich davor, womit ein Menschenherz auch voll sein und wofür es auch brennen kann.

Der Prophet Jeremia denkt wohl eher an die Heldinnen und Helden des Alltags, wenn er uns einen schönen Gruß von Gott sagt und völlig neue Dinge ankündigt. Er spricht von einem neuen Bund zwischen Gott und den Menschen. Dann soll unser Herz völlig ergriffen sein vom Willen Gottes. Der wird nicht mehr nur in Stein fest gemeißelt stehen in den Zehn Geboten. Der wird seinen Menschen ins Herz hineingeschrieben sein, sagt Jeremia. Es wird brennen für Gott und weit offen sein für die Mühe, die er sich mit uns macht. Und für die Liebe, mit der er uns überschüttet. Dann werden wir im Geist der Liebe miteinander und mit der Schöpfung umgehen, rücksichtsvoll, verständnisvoll, verantwortungsvoll. Ohne Hass, Neid, Gewalt, Krieg. Friede wird die Herzen erfüllen und die Welt. Genug zu essen, genug zum Leben für alle. Ohne die Gier nach immer mehr. Ohne die Angst, zu kurz zu kommen. Und was gewesen ist, soll vergeben sein.

Das klingt richtig gut. Und gleichzeitig so weit weg und unerreichbar. Wären da nicht die Heldinnen und Helden des Alltags. Im Grunde leben sie zeichenhaft schon das, wovon der Prophet spricht. Für sie sind Liebe und Mitmenschlichkeit nicht nur Worte. Und ein Mensch mehr als ein Fall. Durch sie zeigt uns dieses Virus, wie der neue Bund zwischen Gott und seinen Menschen schon in dieser Zeit aufleuchtet. Manchmal ganz im Kleinen, wenn der Schutzanzug auf der Intensivstation zwar für körperliche Distanz sorgt, aber eine totale menschliche Nähe spürbar ist. Wenn der Student die ältere Dame, die er vorher nicht kannte, zweimal die Woche mit Lebensmitteln versorgt. Oder die Lehrerin schon zum fünften Mal nachfragt, ob ihre Mail angekommen ist und es zu Hause einigermaßen gut geht. Nach den vielen positiven Erfahrungen der letzten Wochen denke ich manchmal, dass das Prophetenwort vom neuen Herz gar nicht so utopisch klingt. Weil es jeden Tag Zeichen des neuen Bunds zwischen Gott und seinen Menschen gibt.

Besonders zeigt er sich für mich darin, dass Gott durch die Zeiten hindurch zu seinem Volk Israel steht. Im Leben, Leiden und der Auferstehung Jesu Christi leuchtet er auf, bis in unsere Zeit, der neue Bund. Und wenn Menschen spüren: Ich bin wichtig für jemanden. Auf mich kommt’s an. Ich werde gebraucht, bekomme geholfen. Und werde geliebt. Mein Leben, jedes Leben ist wertvoll, einmalig, wichtig. Dann ist Gott im Spiel. Geschieht sein Wille. Herzen verändern sich, fangen an zu brennen für Gott und die Menschen.

Dass das Leben ein wahnsinniges Gottesgeschenk ist und nur im Miteinander gelingen kann oder, biblisch formuliert, mit Gottes Liebe und seinen Geboten im Herzen – dafür kann dieses Virus uns die Augen öffnen. Eines Tages, so Jeremia, wird es Gott hinbekommen, dass alle Menschen ein weites Herz haben, das offen ist für die Mühe, die Gott sich mit uns macht, voller Liebe für die Menschen und die ganze Schöpfung. So wie bei den Heldinnen und Helden des Alltags. Trotz Krise sind das doch schöne und lebenswerte Aussichten.

Volker Janke ist ­Dekan im Kirchenbezirk Landau und Mitglied der ­Kirchenregierung.

Gebet

Gott, wir kennen so viele Leute. Wir nicken uns zu, wechseln ein paar Worte. Aber im Grunde bleiben wir uns oft fremd, leben nebeneinander her. Lass uns miteinander leben und füreinander, Gott des Lebens. Gib deinen Geist in unser Herz. Hauptsache, dass wir anfangen, dich und die Menschen zu lieben von ganzem Herzen und mit aller Kraft. Amen.