Ein neues Normal

Pfarrer Paul Metzger
Pfarrer Paul Metzger

Andacht zum Pfingstfest

von Pfarrer Paul Metzger

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3, 1–5): „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“

Apostelgeschichte 2, 1–6 (7–13) 14–21

An Pfingsten geht es weiter. Gottes Geist kommt. Mitten in die Krise. Normal war gestern. Es gibt kein Zurück. Es wird keine Stunde null geben. Der Reset-Knopf ist nicht zu finden. Nach der Krise ist nicht vor der Krise. Nach der Krise bleibt alles anders. Es wird nicht mehr normal. Nicht so normal wie vorher. Es wird ein neues Normal geben, aber das alte Normal bekommen wir nicht zurück. Wir können jetzt hoffen. Darauf hoffen, dass wir lernen.

Was hat uns die Krise gezeigt? Was zeigt sie uns weiterhin? Was müssen wir verändern? Werden wir die Produktion von Medikamenten nach Europa, nach Deutschland zurückholen? Werden wir dafür zahlen, wenn sie deshalb teurer werden? Werden wir neu definieren, was „systemrelevant“ ist? Ist Solidarität ein Wort, das wir neu mit Leben füllen, oder schreiben wir es nur auf Plakate und halten sie hoch? Wie werden wir leben? Das sind unsere Fragen: Fragen nach der Zukunft.

In jeder Krise entstehen Ängste vor der Zukunft. Am Ende werden wir die Frage beantworten müssen, ob wir wirklich das alte Normal wiederbekommen möchten oder ob wir uns eingestehen, dass es auch nicht normal war, sondern selbst eine Krise darstellte.

An Pfingsten geht es weiter. Die Krise ist nicht gelöst, aber es ändert sich was. Es ist genau das, was uns jetzt hilft. Vertrauen kehrt ein. Mut und Kraft werden gespendet. Der Himmel öffnet sich, und wir sehen nach oben. Weg von uns. Das ist wichtig. Wer nur auf sich und nur nach unten schaut, hat keine Ahnung, spürt nichts von oben und von vorne. Mitten in der Krise weht der Wind und pustet weg, was belastet. Angst und Sorgen sind für einen Moment von Feuer verbrannt. Wir werden neu belebt. Wir werden vom Geist erfüllt.

Nicht vom Geist des Weins – wie die Asbach-Uralt-Werbung immer gesagt hat, sondern vom Geist Gottes. Neue Zuversicht strömt in uns. Neues Vertrauen breitet sich aus. Wir verlieren nicht den Blick für die Realität, werden keine Traumtänzer und werfen keine Vorsichtsmaßnahme über Bord. Wir wissen, dass die Dummheit und die Gier der Menschen grenzenlos bleiben. Aber wir setzen dem etwas entgegen. Obwohl wir Spott ertragen müssen. Wir sind nicht für steigenden Umsatz von Spirituosen verantwortlich. Wir sind nicht besoffen. Wir sind erfüllt vom Geist. Wir arbeiten an rationalen Lösungen. Wir leben vor, was Nächstenliebe bedeutet. Wir kümmern uns um Gott und die Welt. Schicken Schiffe und machen Grenzen auf. Weil wir von einer Gewissheit herkommen, von einem Vertrauen getragen werden. Gottes Geist ist mit uns. Deshalb können wir Ansagen machen. Voller Demut und Bescheidenheit, aber auch voller Klarheit. Es gibt kein Zurück.

Wir haben alles erfahren, was diese Krise bringt. Den Tod und das Leben. Das Kreuz und die Auferstehung. Und dass am Ende die Hoffnung siegt. Am Ende steht das Leben. Das ist unsere Botschaft, die wir an Pfingsten der ganzen Welt in allen Sprachen aussagen. Alle Menschen kommen zusammen und leben gemeinsam. Ein Moment zeigt uns, was wir erwarten dürfen. Es besteht Anlass zur Vorsicht, zur Umsicht, zur Rücksicht, aber wir haben eine Aussicht. Die Aussicht in den Himmel. Das ist unsere Orientierung, die Kraftquelle für unser Leben, der Grund unseres Vertrauens. Ein Vertrauen gegen das Oberflächliche und gegen tiefe Einsichten in unsere Natur, die oft das Gute will und trotzdem das Böse tut.

An Pfingsten geht es weiter. Die Krise ist nicht beendet – sie wird uns eine lange Zeit begleiten. Bis sie normal geworden ist. Und wir uns daran gewöhnt haben. Wie wir uns an fast alles immer gewöhnen, sogar daran, dass wir schon lange an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. An Pfingsten bekommen wir Vertrauen geschenkt. Gottvertrauen. Damit können wir leben. Darauf können wir uns verlassen. Und weitermachen und mitarbeiten. An einem neuen, einem besseren Normal. Es geht weiter.

Dr. Paul Metzger ist Pfarrer in Ludwigshafen-Pfingstweide.

Gebet

Guter Gott, du schenkst uns deinen Geist. Für einen Moment steht der Himmel offen. Und wir können neue Orientierung gewinnen. Wir sehen, was falsch gelaufen ist. Wir erahnen, was kommen wird. Du bist unsere Bestimmung. Von dir kommt unser Vertrauen. Gib uns den Mut, neue Wege zu finden. Führe uns in deine Zukunft. Begeistere uns! Amen!