Wenn Pilze zwischen Pfeifen wuchern

Viele Orgeln in Pfälzer Kirchen schimmeln – Besucherrückgang in Gottesdiensten eine Ursache von vielen

Ist besorgt darüber, dass der Orgelschimmel in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen hat: Orgelbausachverständiger Gero Kaleschke in der Martin-Luther-Kirche in Neustadt. Foto: LM

Erschreckendes Bild: Vor fünf Jahren wurde Schimmel in der Windlade der Orgel der Kirche Klingen entdeckt. Foto: Kaleschke

Er wächst im Verborgenen und ist nicht wählerisch, macht sich langsam auf Holz, Leder, sogar Metall breit. Seit vielen Jahren schon ist bekannt, dass Schimmel mitunter Orgeln befällt. Schätzungen zufolge ist jede dritte Orgel in Deutschland betroffen. So ist das Problem auch für Gero Kaleschke, seit vielen Jahren Orgelbausachverständiger der Evangelischen Kirche der Pfalz, kein neues. Was ihn aber besorgt, ist, dass der Orgelschimmel in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen hat. „Bei jedem Orgelprojekt, das ich betreue, ist neben dem Holzwurm auch Schimmel dabei“, sagt Kaleschke. Und da sich die Pilze lange nicht bemerkbar machen, ist er sich sicher: „Es sind viel mehr Orgeln betroffen, als man kennt.“

Die Ursachensuche hat längst begonnen. In einem deutschlandweit einmaligen Projekt hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland Experten beauftragt herauszufinden, woran es liegt, dass immer mehr Gemeinden wegen schimmelnder Orgeln Alarm schlagen. Erste Ergebnisse wurden im Herbst in Erfurt präsentiert. Orgelexperte Kaleschke und Bernd Ehrhardt von der Bauabteilung der pfälzischen Landeskirche waren unter den Besuchern.

Was beide erst einmal aufatmen lässt: 37 Arten Schimmel gibt es, nur drei davon konnten im kirchlichen Bereich nachgewiesen werden. Davon waren 90 Prozent der Schimmelpilz Aspergillum glaucum, der für den Menschen nicht gesundheitsschädlich ist. Gleichwohl könnten Allergiker auf die Pilzsporen reagieren. Wer als Organist dem Instrument besonders häufig nahe kommt, würde dann stark darunter leiden.

Was die Forscher in Erfurt an Faktoren für den weiß oder schwarz wuchernden Belag präsentierten, ist Ehrhardt und Kaleschke zum Teil nicht neu. In der Regel ist die relative Luftfeuchtigkeit in betroffenen Kirchen dauerhaft höher als 70 Prozent. Begünstigt wird dieses teils naturgegebene Mikroklima durch die immer häufigere Dämmung von Kirchen. Wenn Isolierglas und Dämmplatten die Feuchtigkeit stärker im Raum halten, muss zwangsweise stärker gelüftet werden, erklärt Kaleschke. „Ich sage immer, wenn ihr Gottesdienst hattet, reißt Fenster und Türen für eine halbe Stunde auf.“

Doch wo Pfarrer für immer mehr Gemeinden zuständig sind und nicht mehr überall Kirchendiener vor Ort, wird es schwierig, das umzusetzen, wissen beide. Überhaupt waren Kirchen früher schon deshalb besser durchlüftet, weil die Menschen nicht nur einmal die Woche, sondern mehrmals einen Gottesdienst besuchten, sagt Kaleschke. So ist der Orgelschimmel auch ein Problem, dass sinnbildlich für einen Rückgang der Kirchenmitglieder steht. In einigen Gemeinden predigt der Pfarrer mittlerweile nur alle zwei oder gar vier Wochen. Viel Zeit für die Feuchtigkeit, dem Schimmel ein gutes Bett zu bereiten. So kann sich auch das kostensparende Modell der Winterkirche als Bumerang erweisen. „Wenn zwischen Oktober und Mai die Kirche nicht gelüftet wird, schadet das der Orgel“, sagt Kaleschke.

Fehler würden auch bei der Heizung gemacht, erklären die Experten. Diese werde oft zu schnell hochgefahren, wodurch sich Feuchtigkeit am massivsten Bauteil der Kirche absetzt, das deshalb am längsten die Kälte speichert: der Orgel. Das Schlimmste für die Königin der Instrumente sei sicher Heiligabend, stellen beide fest. Die kalte Kirche wird rasch hochgeheizt, dazu kommt die Feuchtigkeit, die aus den Mänteln und Schuhen der Kirchenbesucher kriecht.

Wo es zeitlich zu aufwendig wäre, die Kirche von Menschenhand zu lüften, schlägt Ehrhardt elektrische Steuerungen von Fenstern vor, die mit Sensoren laufen, die die Feuchtigkeit innen und außen messen. „Die sind nicht teuer.“ Mehr Luftbewegung bedeutet weniger Schimmel, das setzt Kaleschke auch mit einer bewährten Methode an der Orgel direkt um. Er schneidet Lüftungsschlitze an der Seite des Orgelgehäuses ein, so beispielsweise in Annweiler. „Das geht allerdings bei historischen Orgeln nicht.“ Mehr Luft bedeutet gleichzeitig, dass sich Staub schlechter festsetzen kann. „Die Staubschichten auf dem Holz sind eine Mineralbasis, auf dem sich der Pilz ansiedeln kann“, sagt der Orgelexperte. Spätestens alle 20 Jahre sollte eine Orgel entstaubt werden, rät er. Wobei Kirchenorgeln in Städten durch höhere Feinstaub- und Rußbelastung stärker betroffen seien.

Doch nicht immer ist eine Lösung parat für die vielen Faktoren, die den Schimmel begünstigen. Die vorgestellte Studie brachte auch Überraschendes zutage. So war die Schwefelkonzentration in der Luft vor 20 Jahren deutlich höher, die Folge waren der bekannte saure Regen und das Waldsterben. In der nun saubereren Luft fehlt der Schwefel – und damit ein natürlicher Schimmelbeseitiger. Auf der anderen Seite steigt die Kohlendioxidmenge kontinuierlich an. Sie befördert das Wachstum der Pilze.

Alarm schlagen wollen beide trotz allem nicht. Ein Schimmelkataster ist nicht geplant. Dafür fehlt auch das Personal. In der Bauabteilung sind fünf Personen für 1600 Gebäude zuständig, sagt Ehrhardt. Stattdessen gelte es, von Fall zu Fall auf die Suche zu gehen. In Ungstein zeigten Messungen dauerhaft 85 Prozent Luftfeuchtigkeit an, erzählt Kaleschke. Die Kirche steht fast am höchsten Punkt des Orts, früher umgeben vom Friedhof, der zuwuchs, nachdem er aufgelassen war. Dadurch erhöhte sich die Beschattung. Feuchtigkeit und Schimmel nahmen zu. Die Pfeifen wurden ausgebaut, abgesaugt, imprägniert und wieder eingestellt – das übliche Verfahren. Dazu beauftragte die Gemeinde einen Ingenieur für die Belüftung. „Offenbar mit Erfolg“, sagt Kaleschke, der keinen Hilferuf mehr hörte.

Kaleschke warnt aber vor vorschnellen Eingriffen. Das Schlimmste sei, wenn man versuche, Kirchen bei der Sanierung auf Wohnraumniveau zu heben. Das gehe nach hinten los, sagt er und nennt als Beispiel die Kirche in Minfeld. Dort wurde der Sandsteinboden durch einen Betonestrich mit Fliesen ersetzt, der dann die Feuchtigkeit stärker im Raum hielt. Man sollte aus diesen Fehlern lernen und lieber mit kleinen Mängeln leben, sagt der Orgelbausachverständige. Im Zweifel sei es besser, mit Mantel in der Kirchenbank zu sitzen. „Die beste Heizung ist gar keine Heizung.“ Florian Riesterer

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