Besonderer Dienst am Scheideweg

Kirchendiener sind vielerorts unverzichtbar – Der Sparzwang lässt Pfarrer über Alternativen nachdenken

Bereitet in Ebernburg nicht nur das Abendmahl vor: Kirchendiener Jürgen-Wilhelm Butz. Foto: Löffler

Liebe zum Detail: Kirchendiener Jürgen-Wilhelm Butz beim Anstecken der Lieder in der Ebernburger Kirche. Foto: Löffler

Jürgen-Wilhelm Butz ist nicht zu überhören. Der Staubsauger dröhnt in der Johanniskirche, der rote Läufer im Mittelschiff dankt es. Es ist 10 Uhr. Butz ist um diese Zeit schon seit vier Stunden auf den Beinen. Seit 13 Jahren ist der 76-Jährige Kirchendiener in Ebernburg. Das frühe Aufstehen habe er aus seiner Zeit im Beruf beibehalten, erklärt der gelernte Elektriker. Beides – Berufserfahrung und Frühaufstehen – zahlt sich aus. Die Glockenanlage hat Butz in den 1960er Jahren elektrifiziert. Damals arbeitete noch seine Mutter in der evangelischen Kirche, die wiederum das Amt von ihrer Mutter übernommen hatte. Vererbte Leidenschaft, lauscht man den Schilderungen des Ebernburgers, wie er als kleiner Bub der Oma in den Kirchturm folgte, um beim Glockenläuten dabei zu sein; Da war es egal, wenn ihn seine Oma „Lausbub“ nannte, wenn er wieder einmal das Glockenseil hochschnellen ließ.

„Ein Amt der Kirche, das der Verkündigung in Wort und Sakrament dient und hilft“, ist die Arbeit der Kirchendiener in den Richtlinien der pfälzischen Landeskirche überschrieben. Kirchendiener hätten „am kirchlichen Leben ihrer Gemeinde teilzunehmen“, auch außerhalb „ihres Dienstes“. Für Butz ist der Kirchendienst sein Leben. Oder wie er sagt: „Mei Kirch ist mei Hobby.“ Das Brot fürs Abendmahl schneidet er zu Hause vor, „sechs Zentimeter lang, zweieinhalb Zentimeter breit, ohne Kruste“. In den Gärten der Nachbarschaft sucht er Blumen und schmückt den Altar oder das Taufbecken. Er führt Gäste durch die Kirche, bespricht mit Brautpaaren die Dekoration, organisiert den Organisten, kümmert sich um den Umtrunk nach dem Gottesdienst, spült anschließend die Gläser im Gemeindehaus. Dort richtet er alle vier Wochen einen großen Seniorennachmittag aus, inklusive Fahrdienst. Um die entsprechenden Plakate kümmert er sich selbstverständlich auch. „Es gibt so viele alleinstehende Menschen“, sagt der 76-Jährige, dem dieser Teil seiner Tätigkeit besonders wichtig ist. „Senioren stehen bei mir an erster Stelle.“

Nicht allein durch die zwischenzeitliche Vakanz in der Pfarrstelle Ebernburg ist Butz bei vielen Gemeindemit­gliedern wichtiger Ansprechpartner. „Brauchst du einen Kuchen?“, wird ihm auf der Straße angeboten, noch bevor er für den Gemeindenachmittag angefragt hat. Und der Bestatter ruft ihn im Trauerfall häufig noch vor der Pfarrerin an. Genauso ergeht es der 81-jährigen Kirchendienerin Tilla Fried, seit mehr als 30 Jahren Kirchendienerin im südpfälzischen Niederhorbach, die so gut wie keinen Sonntag freinimmt, obwohl ihr das zustehen würde. Auch Kirchendiener Butz stellt das, was ihn jenseits der Kirche interessiert – Theater- oder Museumsbesuche – immer hinten an. Stattdessen prüft er lieber, ob alles ordnungsgemäß funktioniert – und klettert schon mal in den Turm hinauf, wenn die Glocke trotz elektronischer Steuerung nicht läuten möchte.

Die Identifikation der Kirchendiener mit ihrem Gotteshaus ist groß. Allerdings lassen die Finanzen Gemeinden nicht überall einen Spielraum. In Ebernburg sorgt der Kindergarten dafür, dass die Gemeinde in den roten Zahlen ist, erzählt Pfarrerin Katy Christmann. „Trotzdem will ich an Kirchendiener Butz festhalten.“ In vielen Gemeinden allerdings übernehmen mittlerweile Presbyter die Arbeit der Kirchendiener, so in Godramstein, wo sich nach dem Ausscheiden der Kirchendienerin aus Altersgründen 14 Presbyter abwechseln, erzählt Pfarrerin Eva Weißmann. Das klappe ganz gut. Lediglich das Vorläuten am Sonntag und das Einläuten am Samstag habe sie programmieren lassen, weil sich niemand dazu bereit erklärt habe. Auch in Mackenbach hat Pfarrer Oliver Böß vor einigen Jahren nach dem Ausscheiden des mittlerweile 88-jährigen Gerhard Schmidt – der allerdings noch zum Vaterunser läutet – das Presbyterium aktiviert. Allerdings eine Putzkraft für Kirche und Gemeindehaus sei engagiert worden. Insgesamt spare die Gemeinde so Geld, sagt Böß, eine Aussage, mit der er nicht alleine dasteht, hört man sich unter Pfarrern um.

Die Einstellung, dass sich Kirchendiener erübrigen, bekommt auch Brigitte Doll von der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft in Kaiserslautern zu spüren. Die Referentin für arbeitsweltbezogene Bildung organisiert einmal im Jahr ein einwöchiges Treffen für Kirchendiener, rund 20 kamen zuletzt im September nach Edenkoben. „Manche Pfarrer sind irritiert, warum es diese Tagung überhaupt gibt“, sagt Doll. „Wir haben doch das Presbyterium“, bekommt sie zu hören.

Pfarrer i.R. Michael Knieriemen aus Dansenberg beobachtet das mit Sorge. Zwar könnten Presbyter einen Teil der Arbeit auffangen, ein Kirchendiener habe aber eine ganz persönliche Beziehung zur Kirche, gebe dem Ganzen ein Gesicht. Es sei leichtfertig, diesen Dienst einzusparen. Außerdem könnten Presbyter gar nicht so viel Zeit investieren wie ein Kirchendiener. Tatsache ist, dass deutlich mehr koordiniert werden muss. Und finden sich für das Anstecken der Lieder und den Begrüßungsdienst noch immer Ehrenamtliche, sieht es beim Schneeräumen mitunter schon anders aus. Er habe auch schon mal im Talar selbst vor dem Gottesdienst Schnee geschippt, berichtet ein Pfarrer. Auch Oliver Böß weiß nicht, ob er diese Arbeit seinem Presbyterium zumuten wollte. „In so einem Fall müsste ich mir was überlegen.“

Vielleicht auch aus diesem Grund wird in der Kirchengemeinde Luthersbrunn am Konzept Kirchendiener festgehalten. Dort begann Anfang des Jahres eine der jüngsten Kirchendienerinnen der Landeskirche mit ihrer Arbeit. Vier Zimmer, Küche, Bad und Job, diese Anzeige machte Denise Burkhard neugierig, die mit ihrer Familie eine Wohnung suchte. Nach reiflicher Überlegung – „schließlich übernimmt man große Verantwortung“ – wohnt die 28-Jährige nun in der Kirchendienerwohnung zwischen Kirche und Gemeindehaus in Vinningen. „Die Orgel steht praktisch hinter der Badezimmerwand.“ Ihre Vorgängerin hatte im Mai 2016 die Stelle aus Altersgründen aufgegeben, seitdem hatten sich die Presbyter, die durch die lange Vakanz in der Pfarrstelle ohnehin am Limit sind, mit den Diensten abgewechselt. Die Erleichterung, wieder eine feste Kraft zu haben, sei spürbar gewesen, sagt Burkhard.

Sieben Stunden die Woche ist die gebürtige Pirmasenserin im Einsatz, vom Schneeschippen bis zum Vorbereiten des Konfirmandenunterrichts – nachmittags mit ihrer zweijährigen Tochter im Schlepptau. „Wenn ich wüsste, es gebe mehr solche Stellen, ich würde sofort die Werbetrommel dafür rühren“, lobt die Mutter in Elternzeit die Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben. Außerdem sei die katholische Familie so schnell in der Gemeinde integriert gewesen. „Ich habe das Gefühl, diese Arbeit ist genau das, was mir die ganze Zeit gefehlt hat.“ Florian Riesterer

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