Segnen auf schwankendem Grund

Pfarrerin Anne Ressel ist eine der letzten Binnenschifferseelsorger – Unterwegs im Mannheimer Hafen

Sorgt sich um die Zukunft der Binnenschifferseelsorge: Anne Ressel auf ihrem Schiff, der "Johann Hinrich Wichern". Foto: Kunz

Von der Straße aus ist das kleine Bootshaus nicht zu sehen. Zu steil fällt das Ufer dort ab. Erst direkt an der Mannheimer Mühlaubrücke öffnet sich der Blick auf den Bootsschuppen. Eine enge Treppe führt zur kleinen Eisentür am Bootssteg, die mit einem Kreuz geschmückt ist. Anne Ressel, Pfarrerin der Citygemeinde Hafen-Konkordien in Mannheim, ist gerade dabei, sich eine blaue Schwimmweste anzuziehen. Ein-bis zweimal pro Woche ist sie mit dem Zwölf-Meter-Schiff „Johann Hinrich Wichern“ unterwegs, um mit Binnenschiffern in Kontakt zu kommen. „Ich steuere entweder den Industriehafen in Mannheim oder den Hafen auf Ludwigshafener Seite an“, sagt Ressel. Auf 50 bis 100 Besuche kommt sie so pro Jahr.

Ressel dreht am Steuerrad, befreit so die Schiffsschraube von allem, was sich darin verfangen könnte. Schließlich soll das Schiff manövrierfähig bleiben, gerade beim „Ausparken“. Zu teuer kommen mögliche Beschädigungen des Boots. „Und ein Budget dafür haben wir in der Kirche eigentlich nicht.“ Erst im vergangenen Jahr musste die Wichern wegen eines Lecks zur Werft nach Speyer geschleppt werden.

Anne Ressel hat eine halbe Stelle als Binnenschifferseelsorgerin – die 50-Jährige ist damit eine aussterbende Spezies in Deutschland. Fünf solcher Seelsorger gibt es noch, in Berlin, Hamburg, Duisburg, Datteln und Mannheim. Datteln soll demnächst dichtgemacht werden, sagt Ressel, die im Jahr 2015 die halbe Stelle von ihrem Vorgänger übernahm. Bleiben vier.

Dabei ist der Güter- und Containerverkehr auf deutschen Flüssen im Vergleich zum vergangenen Jahr erneut gestiegen. „Aber die Binnenschiffer haben keine Lobby“, sagt Ressel. Zudem werden die sogenannten Partikuliere, selbstständige Schiffseigentümer, in Deutschland immer weniger. Nur in den Niederlanden sei dieses Modell noch weit verbreitet. Ansonsten hätten große Reedereien das Geschäft fest im Griff. „Die Besatzung spricht auf solchen Schiffen oft kein Deutsch mehr, viele kommen aus Osteuropa, da ist gerade noch ein Hallo drin.“

Mit einem gleichmäßigen Tuckern gleitet das Boot aus seinem Unterstand, Robert Huttenlocher, einer der 15 ehrenamtlichen Bootsführer, klettert aufs Dach und klappt das große Kreuz auf, an dem die Fahne der Schifferseelsorge, ein weißer Anker auf blauem Grund, weht. Schließlich sollen sie die Binnenschiffer schon von Weitem erkennen.

Das Schiff hat den Mühlauhafen verlassen, steuert die Mündung des Neckars an. Links ragen die Rohrleitungen und Tanks der BASF in den Himmel. Doch der Blick Ressels ist nach vorn gerichtet. Mit dem Fernglas sucht sie nach Schiffen, die auf Kollisionskurs sind. Immer wieder knistert es in der Funkanlage, geben Schiffe durch, ob sie „Berg“ oder „Tal“, also flussauf- oder -abwärts unterwegs sind. Auch Ressel und die Bootsführer nehmen regelmäßig an Funkkursen teil. „Wir machen Positionsmeldungen, obwohl wir das als kleines Boot nicht müssten“, sagt Ressel, in deren Familie die Schifffahrt eine gewisse Tradition hat. Ein Großonkel fuhr als Partikulier in der Küsten-Motorschifffahrt, ein Onkel ging über Jahre als Kapitän zur See.

Dann ändert die Wichern plötzlich ihren Kurs. Ein Boot der Feuerwehr hat eine blaue Flagge auf Steuerbord ausgeklappt. „Das heißt, wir müssen auf dieser Seite vorbei“, sagt Ressel. Von der Neckarmündung aus fährt das Schiff über die Kammerschleuse in den Industriehafen. Unangenehmer Geruch steigt in die Nase, als das Seelsorgeschiff an einem riesigen Silo vorbeifährt. Ein steter Strom Getreide ergießt sich in den Laderaum der „Tan de Jong“, an der Flagge am Heck als ­holländisches Frachtschiff erkennbar. „Rapsschrot“, sagt Ressel nach einem prüfenden Blick. „Die haben gerade keine Zeit für einen kleinen Plausch“ ist ihr Fazit, während das Schiff weiter die Ladeanlagen abfährt. Jeder Rohstoff, ob Rapsschrot oder Raps, Weizen oder Mais, hat eine eigene Position im Hafen, an der die Schiffe die Ladung loswerden oder aufnehmen können.

„Für Herbst ist sehr wenig los“, wundert sich Ressel und stellt sich an Deck. Generell sei ihr Klientel ein recht verschlossenes. Sie habe sich aber immer schon gerne in Bereiche begeben, wo Kirche nicht selbstverständlich präsent ist und verortet wird. Auf eine Tasse Tee oder Kaffee werde sie meistens eingeladen, wenn die Bootsführer Zeit hätten. Dann bekomme sie oft eine kleine Führung durch deren Reich. Aber auch das, was die Bootsführer belastet, der wirtschaftliche Druck, die immer kürzeren Liegezeiten, bekomme sie zu hören. Was sie freut: Auch Taufen hat sie an Bord des Kirchenschiffs schon durchführen können. Außerdem feiern niederländische Binnenschiffer aus der ganzen Region jeden Sonntag in Mannheim Gottesdienst, zu dem eigens ein niederländischer Pfarrer anreist.

Die Wichern passiert ein weiteres Schiff. Zwar wird gerade nichts geladen, doch die Kabinen wirken dunkel und verwaist, obwohl eine Tür zum Führerhaus offen steht. Möglicherweise sind alle an Land, mutmaßen Bootsführer Huttenlocher und Ressel. Auch im Schrotthafen in Mannheim, Deutschlands größtem, hat das Team kein Glück. Ein Kreischen und Dröhnen liegt in der Luft, riesige Baggerschaufeln verladen Tonnen alten Metalls. Unter einem alten Stützpfeiler am Ufer gegenüber hat sich ein Obdachloser eine Notunterkunft aus alten Decken und Pappe gebastelt. Kochutensilien sind zu sehen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die luxuriösen Appartements, an denen das Schiff wenige Minuten vorher nördlich der Diffene-Brücke vorbeigefahren ist. Arm und reich liegen am Hafen eng beieinander.

Der Wind frischt auf, Regentropfen fallen, ein Gewitter ist im Anzug. Bis 16 Uhr sollte das Schiff nach aktuellen Wetterprognosen vor Anker liegen, das Tempo wird erhöht. Zurück am Rapsverladesilo haben die Seelsorger den richtigen Zeitpunkt wieder verpasst, die „Tan de Jong“ ist beladen und macht sich zum Auslaufen fertig. Traurig ist Ressel dennoch nicht. „Es geht darum, Präsenz zu zeigen“, sagt die Pfarrerin und winkt den Bootsführern mit ihren Kindern zu, die zurückgrüßen. Denkbar wäre die Seelsorge auch auf die Lastwagenfahrer auszudehnen, die die Ladestationen im Hafen ansteuern. Aber das sei Zukunftsmusik. In einem geschickten Bogen steuert sie die Wichern zurück ins Bootshaus. Privat hat Sie übrigens mit Wassersport nichts am Hut. Braucht sie auch nicht. Dafür hat sie ja das Kirchenschiff. Florian Riesterer

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