Ein bunter Maschenmantel für den großen Reformator

Schüler des Trifels-Gymnasiums Annweiler bestricken Lutherstatue in Landau vor der Stiftskirche – Bereits in der ersten Nacht gestohlen

Stolz auf die soeben beendete Gemeinschaftsarbeit: Die Schüler mit ihrem Umhang für das Luther-Standbild in Landau. Foto: Iversen

Verpackung macht neugierig auf den Inhalt. Den Verhüllungskünstler Christo hat das Einpacken von Gebäuden und Alltagsgegenständen weltberühmt gemacht: „Offenbaren durch Verhüllen.“ Diese Masche griffen Schüler der Jahrgänge 7 bis 12 am Trifels-Gymnasiums Annweiler auf buchstäblich bestrickende Weise auf. Gegenstand ihrer Projektwoche und damit gleichzeitig ein Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017 war das bronzene Standbild von Martin Luther vor der Stiftskirche in Landau.

„Wir bringen Luther zum Schwitzen“, lautete der vieldeutige Titel der Aktion, die man im Fachjargon auch „Urban-Knitting“ oder „Strick-Graffiti“ nennt. Gleichzeitig war dies das Thema der Masterarbeit von Annika Lochbaum, zur Geburtsstunde der Idee noch Referendarin am Gymnasium. Die Kunsterzieherin Meike Porz hatte die ungewöhnliche Anregung mit Freuden aufgegriffen.

Schülerinnen und Schüler dafür zu begeistern, war offenkundig nicht schwer gewesen, denn der quietschbunte Patchwork-Mantel aus Wolle von gestrickten und gehäkelten Quadraten mit seinem fast historiengetreuen Kräuselkragen, der die imposante Statue ab dem 28. Juni eindrucksvoll umhüllte, brachte selbst kritische Handarbeitsprofis zum Staunen.

Dass es mit dem Schwitzen just nach einem Temperatursturz nicht recht etwas wurde – nun gut. Dafür konnte Steffen Jung, Leiter am Trifels-Gymnasium, den gewaltigen Blitz-und-Donner-Sturm der Nacht über Annweiler sinnfällig zu Luthers berühmtem Gewittererlebnis in Bezug setzen.

Das Wochenende und zwei Schultage lang hatte die Projektgruppe Zeit, die vielzähligen Elemente des Luthermantels aus jeweils einem Riesenknäuel Wolle zu fertigen, um den stattlichen Reformator drei auf fünf Meter zu umhüllen. Wer nicht stricken konnte, durfte häkeln oder später beim Zusammennähen helfen. Dass die rund 60 Schüler das Projekt, das beileibe nicht nur Mädchen interessierte, sondern beiderlei Geschlecht jeweils hälftig zusammenführte, mit Herzblut in die Tat umsetzten, davon kündete der geradezu liebevoll komponierte Mustermix und die tadellose Ausführung der Nadelarbeiten.

„Manche konnten stricken, andere gar nicht. Die haben dann oft Omas befragt und sich erstaunlich rasch Techniken angeeignet“, erläutert Annika Lochbaum. Dass neben dem Teamgeist auch die traditionellen, kaum noch gepflegten Fertigkeiten des Handarbeitens praktiziert und nebenbei auch die Feinmotorik der Schülerinnen und Schüler gefördert wurden, nennen die Kunsterzieherinnen als einen wertvollen Aspekt der Aktion. „Wo gibt es das noch, dass man zusammensitzt, handarbeitet, sich dabei unterhält, lacht und am Ende ein selbst erstelltes Produkt in Händen hält.“

Die Schülerinnen und Schüler wussten Bescheid, wen sie einkleideten. Luthers neues Outfit sollte Passanten zum Stehenbleiben, Hinschauen und Nachdenken veranlassen. Seine Rückseite zierte – aus leuchtend grüner Strick­liesel-Schlange drapiert – die magische Zahl „500“, den historischen Abriss lieferte ein gut verständliches Informationsblatt zu Füßen des Reformators.

Kaum einer, der nicht stehen blieb, las, die Gestalt umrundete, das Handy zum Fotografieren zückte. Kinder kuschelten sich zu Luthers Füßen in den Mantelsaum und Gespräche der Umstehenden ergaben sich. Ein echter „Eyecatcher“ hätten sie für Wochen im Landauer Stadtbild werden können, des Luthers neue Kleider. Aber schon in der ersten Nacht kam der Mantel auf wundersame Weise abhanden. Abgerissen, nur die Kordel war noch um den Hals drapiert. Purer Vandalismus? Ein Raritätensammler? Ein Wohnsitzloser, der schon Vorsorge für den Winter traf?

„Die Schülergruppe ist unendlich traurig und enttäuscht“, kommentierte Steffen Jung den Vorgang. „Aber wir versuchen uns ganz im christlich-karitativen Sinne zu trösten: Irgendjemand hat den Mantel einfach gebraucht.“ gpo

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