„Lutherischer Muslim“ als Brückenbauer

Friedensprojekt „Abrahams Herberge“ in Beit Jala – Mohammed freut sich auf den Besuch aus der Pfalz

„Bis bald in Beit Jala!“: Mohammed Fararge am Stand der „Abrahams Herberge“ auf dem Kirchentag in Berlin. Foto: Mendling

Sein Herz schlägt für die Kinder, die auf den Straßen von Beit Jala und Umgebung aufwachsen. Knapp vier Kilometer von Jerusalem entfernt, in direkter Nachbarschaft zu Bethlehem, arbeitet Mohammed Fararge. „Ich bin ein lutherischer Muslim“, sagt der 35-jährige Palästinenser mit einem Augenzwinkern, denn er gehört zu der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde vor Ort. Die unterhält die Begegnungsstätte „Abrahams Herberge“ in Beit Jala, die ein Zeichen des Friedens im Nahen Osten setzen will.

„Abraham ist der Vater von allen – von Juden, Christen und Muslimen“, erklärt Mohammed. Er ist in der „Abrahams Herberge“ für die Buchungen der Übernachtungsgäste zuständig. Neben seiner Arbeit im kirchlichen Gästehaus engagiert er sich für das Sozialprojekt der Reformationsgemeinde: „Abrahams Zelt“, in der zehn Kilometer weiter östlich gelegenen Kleinstadt Al Ubiedyeh. Seit neun Jahren finden hier muslimische Kinder eine Art zweite Heimat.

Mohammed berichtet mit leuchtenden Augen, dass er mit den rund 60 Kindern in Al Ubiedyeh Fußball spiele, Dabke tanze und Yoga mache. Außerdem bekommen die Kinder ein warmes Mittag­essen und Hilfe bei den Haus­aufgaben. „Sie sollen lernen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist“, beschreibt Mohammed das Ziel, das er mit den Kindern des „Abrahams Zelt“ hat, „damit sie sich nicht den Extremisten anschließen, sondern später selber zu Brückenbauern werden zwischen Israel und Palästina.“

Außerdem ist Mohammed schon in ein weiteres Projekt der Gemeinde involviert: Nächstes Jahr soll auch in Beit Jala ein „Abrahams Zelt“ entstehen. Darüber hinaus hofft er, dass es dies bald in noch mehr Städten in Palästina geben wird. Darum seien sie auch auf Spenden angewiesen, sagt er in einem Nebensatz. Für die Kinder seien die Angebote kostenlos, deswegen gebe es schon einige Gemeinden in Deutschland, Norwegen und in der Schweiz, die ihre Arbeit finanziell unterstützen und so überhaupt erst möglich machen.

Mohammed Fararge ist Ende Mai eigens für den Kirchentag von Beit Jala nach Berlin gereist, um dort über seine Arbeit vor Ort zu berichten und Menschen einzuladen, die „Abrahams Herberge“ zu besuchen. Dafür hat er einen langen und beschwerlichen Weg auf sich genommen, denn ins vier Kilometer entfernte Jerusalem darf er nicht einreisen. Sein Reiseweg führte ihn über Jordanien nach Deutschland. „Wir haben viele Probleme mit der israelischen Besatzung“, klagt Mohammed. In den palästinensischen Autonomiegebieten gäbe es 350 Checkpoints, die die Bewegungen der Palästinenser streng überwachen.

Mohammed ist selbst ein Kind dieser Friedensarbeit, für die er sich seit 15 Jahren engagiert. „Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben“, erzählt er. Seitdem habe er in der Reformationsgemeinde eine neue Heimat gefunden. Dass er muslimisch ist, sei hier noch nie ein Problem gewesen. Gerade weil sich die lutherische Gemeinde für muslimische Kinder einsetze, sende sie damit ein Zeichen des guten Willens und des Friedens in die muslimische Welt hinein. Doch auch er habe sehr unter der israelischen Besatzung zu leiden. „Mein Sohn ist jetzt gerade ein Jahr alt geworden“, berichtet Mohammed, der in wenigen Wochen zum zweiten Mal Vater wird. „Seit einem halben Jahr braucht mein Kind ein Beatmungsgerät, da israelische Soldaten Tränengas auf unser Haus schießen.“ Seine Antwort darauf ist, sich noch intensiver in die Friedensarbeit einzubringen. „Meine große Hoffnung ist es, dass das Töten auf beiden Seiten aufhört und alle miteinander in Frieden leben und arbeiten“, sagt der Palästinenser. Er glaube fest daran, denn er erlebe hier ja schon, dass dies möglich sei.

Leserinnen und Leser des KIRCHENBOTEN haben im vergangenen Jahr die „Abrahams Herberge“ besucht und Mohammed persönlich kennengelernt. Ein Wiedersehen mit ihm gab es vor Kurzem auf dem Kirchentag in Berlin; am 18. Oktober heißt Mohammed die Leserinnen und Leser im Heiligen Land erneut willkommen. Er freue sich sehr auf den Besuch aus der Pfalz, sagt er beim Abschied in Berlin. „Bis bald in Beit Jala!“ Stefan Mendling

Alle sind berufen zu einem Leben in Gerechtigkeit und Frieden

Das Friedensprojekt und die evangelische Gemeinde in Beit Jala – Das Gästehaus steht im Mittelpunkt im wirtschaftlich schwachen Palästina

Der Name „Abrahams Herberge“ ist auch nach über 20 Jahren des Bestehens im kirchlichen Bereich noch immer ein Begriff. Das wurde kürzlich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin deutlich, wo auf dem Markt der Möglichkeiten mit einem Informationsstand für das gleichnamige Friedensprojekt, die Evangelisch-lutherische Kirche der Reformation in Beit Jala und letztendlich auch das Gästehaus der Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land geworben wurde.

Nach wie vor beziehen sich die Erbauer und Förderer der „Abrahams Herberge“ bewusst auf die biblische Segensverheißung an Abraham: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Gerechtigkeit und Frieden unter den Völkern und Religionen im Nahen Osten wird es nicht durch Sieg und Herrschaft der einen über die anderen geben. Nach biblischer und koranischer Überlieferung sind alle Menschen als Abrahams Kinder zu einem Leben in Gerechtigkeit und Frieden berufen und aufgefordert. Woher, wenn nicht aus den drei großen Religionen, könnte die Kraft kommen, über ethnische, religiöse und politische Grenzen hinweg Brücken zu bauen?

Unter dem Schirm der „Abrahams Herberge“ findet sich auch heute die kleine evangelische Reformationsgemeinde mit rund 600 jungen und erwachsenen Christen. Der weithin sichtbare Kirchturm, der um 1880 entstand, ist optisches Symbol. Pfarrer, Kirchenälteste und Gemeindemitglieder bilden eine intakte Gemeinschaft. Vor allem im sozialen Bereich sehen sie wesentliche Aufgaben; kein Wunder in dieser wirtschaftlich schwachen Region Palästinas mit hoher Arbeitslosigkeit. Finanzielle Unterstützung vor allem auch aus Deutschland hilft, die größte Not zu lindern. Durch zahlreiche Projekte sollen besonders Kinder und Jugendliche gefördert werden. So wurde vor zwei Jahren auch ein Spielplatz angelegt.

Ganz speziell ist das Projekt „Abrahams Zelt“ in einer Kleinstadt östlich von Bethlehem. Es richtet sich ausschließlich an muslimische Jungen und Mädchen. Der Hintergrund: Palästinensische Christen wollen dokumentieren, dass sie sich auch um das Schicksal von andersgläubigen Nachbarn Gedanken machen und ihnen helfen. „Abrahams Zelt“ wird jährlich mit fast 20000 Euro Spenden unterstützt.

Mittelpunkt für alle Besucher ist das Gästehaus, das sich mit seinen Räumlichkeiten direkt an die Kirche angliedert. Es trägt – natürlich – auch den Namen „Abrahams Herberge“. Seit seiner Einweihung Ende 2003 hat es sich unter gastronomischen Gesichtspunkten in der Region einen sehr guten Namen erworben. In unmittelbarer Nachbarschaft von Bethlehem und Jerusalem liegt es zentral für Tagesausflüge in die nähere und weitere Umgebung. PB

Kontakt und Infos: abrahams-herberge(at)nospamweb.de, www.abrahams-herberge.de

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