Wenn dem Konto Pfändung droht

Alleinerziehende und ältere Frauen sind stark von Armut bedroht – Diakonie Pfalz berät bei Schulden

Sind besonders armutsgefährdet: Alleinerziehende Mütter. Foto: epd

Armut ist in Deutschland längst ein gesellschaftliches Problem. Das zeigt der jüngste Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung, in dem die Armutsquote in Deutschland mit 15,7 Prozent ein neues Rekordhoch erreicht hat. Statistiken belegen außerdem: Frauen, besonders wenn sie alleinerziehend sind, droht ungleich öfter Armut als Männern. Und auch Seniorinnen leben zusehends am Existenzminimum.

Das bemerkt auch das Diakonische Werk Pfalz. 7500 Frauen wurden im vergangenen Jahr in dessen Lebensberatungsstellen betreut, sagt Tanja Gambino, Leitende Referentin Offene Sozialarbeit der Diakonie. 5000 der Frauen seien alleine zum Gespräch gekommen, bei den Männern waren es nur 1500. Etwa 2000 der Ratsuchenden waren alleinerziehende Mütter, 500 der Frauen waren älter als 65 Jahre. „Die Tendenz bei den älteren Frauen ist steigend“, sagt Gambino. Allerdings sei dies ein Klientel, das man nur schwer erreiche. „Mein Eindruck ist, dass die jüngeren Frauen schneller zu uns kommen. Frauen ab 60 versuchen oft noch ganz lange, damit zurechtzukommen und nicht aufzufallen.“ Viele erzählten nicht einmal den eigenen Kindern, wie schlecht es ihnen finanziell gehe. „Die Mitarbeiterinnen der Sozialstationen bekommen oft eher mit, was da los ist“, sagt Gambino. Gelegentlich komme ein Hinweis vom Pfarrer oder Dekan. „Ich erinnere mich auch an Fälle, in denen Nachbarn oder Freunde bei uns angerufen haben.“

Dabei bedeute Armut nicht nur, seine Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können, erläutert Gambino. Sie gehe oft einher mit sozialer Isolation. Wenn Geld knapp sei, scheitere es oft schon an ganz simplen Dingen, die für andere selbstverständlich sind – an der Busfahrkarte zur Freundin, der Eintrittskarte ins Kino oder an ein paar Euro für Kaffee und Kuchen im Café. Viele Menschen, die in Armut geraten seien, rutschten so noch in die Einsamkeit.

In Zusammenarbeit mit der Diakonie unterstützt deshalb der Service-Club Zonta Speyer-Germersheim, ein Zusammenschluss berufstätiger Frauen, in seinem Projekt „Das Plus für Frauen ab 50“ Extras, die durch Sozialleistungen nicht abgedeckt werden. Das kann zum Beispiel ein Bäckergutschein sein, um einen Kaffeenachmittag mit Freunden erleben zu können. In vielen Fällen gibt Zonta etwas für eine neue Brille dazu, erklärt Club-Präsidentin Sabina Matter-Seibel: „Natürlich gibt es da bereits Erstattungen, aber die sind meist sehr gering“, sagt die Universitätsprofessorin. Die Altersgrenze habe zunächst bei 65 Jahren gelegen, sei dann jedoch auf 50 gesenkt worden. Gerade in diesem Alter gebe es häufig späte Scheidungen. „Und dann stehen die Frauen ohne Einkommen da.“

Rund 8000 Euro aus dem Erlös des jährlich von den Zonta-Clubs der Met­ro­pol­region Rhein-Neckar organisierten Abends beim Filmfestival in Ludwigshafen seien 2016 für diesen Zweck an den Club Speyer-Germersheim gegangen. „Dieses Projekt ist nur für Frauen in Altersarmut“, erklärt Matter-Seibel. Die Nachfrage sei aber noch nicht so groß, wie die Mitglieder erwartet hätten. „Teilweise müssen es die Beraterinnen der Diakonie an die Frauen herantragen. Viele schämen sich und wollen so etwas, das sie als Almosen betrachten, gar nicht annehmen.“

Wenn Frauen nicht mehr aus eigener Kraft aus den Schulden herauskommen, ist die Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie Ansprechpartner. Sieben Anlaufstellen gibt es im Bereich der Evangelischen Kirche der Pfalz. In Kirchheimbolanden ist Sozialarbeiterin Ingrid Leber seit rund 35 Jahren als Beraterin tätig. Sie weiß, dass es viele Menschen Überwindung kostet, die Beratungsstelle aufzusuchen. „Aber ich erlebe es immer wieder, dass sie schweren Herzens kommen und erleichtert gehen“, sagt die Fachfrau.

Lebers Anspruch ist es, Wege aus den Schulden aufzuzeigen. „Wir loten aus, ob eine Schuldenregulierung ohne Insolvenz möglich ist.“ Dazu schauen sich die Mitarbeiter gemeinsam mit den Klienten ihre Unterlagen an. Auch Bescheinigungen für ein pfändungsfreies Konto können die Beratungsstellen ausstellen. „Das ist manchmal ein guter Einstieg in die Beratung“, berichtet Leber. Für Frauen mit niedrigem Einkommen oder Hartz IV hat die erfahrene Beraterin einen Tipp, um gar nicht erst in die Schuldenfalle zu geraten: „Man sollte nur Verträge abschließen, die man auch mit kleinstem Einkommen bezahlen kann.“ Miete, Strom und das Wichtigste für die Kinder hätten Vorrang. Handyverträge und so manche Versicherung seien dagegen verzichtbar.

Speziell alleinerziehenden und alleinstehenden Frauen mit verhältnismäßig geringen Schulden hilft seit 23 Jahren der Berta-Steinbrenner-Fonds der evangelischen Frauenarbeit und des Diakonischen Werks Pfalz. Ein Vergabeausschuss berät über Anträge und bewilligt zinslose Kredite bis zu 2000 Euro, die die Frauen in Raten zurückzahlen können. „Sie haben meist höhere Schulden, aber die Schuldnerberatungen können mit dieser Summe in die Vergleichsverhandlungen gehen“, erklärt Annekatrin Schwarz, stellvertretende Leiterin der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft in Kaiserslautern.

Voraussetzung, dass ein Kredit bewilligt werde, sei, dass andere Möglichkeiten wie staatliche Hilfen ausgeschöpft seien. Angst davor, bloßgestellt zu werden, müsse aber niemand haben, beruhigt Schwarz. Die Mitglieder des Ausschusses bekämen lediglich die Fälle geschildert. Zu persönlichen Treffen komme es in der Regel nicht. „Es ist sehr würdevoll gestaltet.“ Julia Köller

Schuldner- und Insolvenzberatung der Diakonie Pfalz gibt es in Frankenthal, Kaiserslautern, Kirchheimbolanden, Ludwigshafen, Landstuhl, Speyer und Limburgerhof. www.diakonie-pfalz.de; hier wird auch zum Berta-Steinbrunner-Fonds informiert.

Armutsgefährdung von Frauen und Männern

Trotz aller Bemühungen um die Gleichstellung der Geschlechter sind immer noch mehr Frauen von Armut bedroht als Männer. Nach Angaben des Statistischen Landesamts vom September 2016 sind in Rheinland-Pfalz 15,2 Prozent der Bevölkerung – das entspricht etwa jedem siebten Einwohner – von Armut bedroht. Während die Armutsgefährdungsquote bei den Männern 14,0 Prozent beträgt, sind es bei den Frauen 16,4 Prozent.

Grundlage für die Bemessungsgrenze ist das mittlere monatliche Nettoeinkommen der Bevölkerung. Von Armut bedroht gelten Personen, deren Einkommen weniger als 60 Prozent dieses Medianeinkommens beträgt. Die erkennbare Schere zwischen Männern und Frauen geht hier bei den über 65-Jährigen noch weiter auf: In dieser Altersgruppe sind 13,4 Prozent der Männer und 19,7 Prozent der Frauen von Armut bedroht.

Der Statistik liegt der Mikrozensus von 2015 zugrunde, für den etwa 18000 Haushalte befragt wurden. Dieser hat auch die Haushalte von Alleinerziehenden – überwiegend Frauen – und ihren minderjährigen Kindern erfasst. Bei ihnen liegt die Armutsgefährdungsquote bei 44,2 Prozent, während Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 10,2 Prozent liegen.

Zur Erklärung der hohen Quote unter Seniorinnen führt das Statistische Landesamt die oft für die Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen unterbrochene Erwerbsbiografie an. Und das Gutachten zum Zweiten Gleichstellungsbericht, das das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend im März vorgelegt hat, legt nahe, dass das Problem weiter bestehen wird. Mit der Gender Care Gap hat die Sachverständigenkommission eine neue Kennzahl entwickelt. Diese „Lohn- und Sorgelücke“ liegt aktuell bei 52,4 Prozent. So viel mehr unbezahlte Sorgearbeit unter anderem für Hausarbeit, Kinder und Pflege, die sie nicht für eine Erwerbstätigkeit nutzen können, leisten Frauen täglich im Vergleich zu den Männern. sud

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