Bedürftigkeit nach Heil

Pfarrer Frank Schuster
Pfarrer Frank Schuster

Andacht zum 6. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Frank Schuster

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

5. Mose 7, 6–12

Sören Kierkegaard, dem dänischen Religionsphilosophen, verdanken wir folgende Einsichten: Es werde im Christentum schon dadurch alles falsch, dass wir das Anliegen Jesu gewissermaßen in einen Brief verwandeln, den wir selber nie öffnen, aber gerne weiterreichen an unsere Kinder. Das Christentum wird auf diese Weise ein reines Erziehungsmittel. Die Eltern selber glauben eigentlich an gar nichts mehr, außer daran, dass das Christentum dafür nützlich ist, die Kinder in irgendeiner Weise bei der Stange zu halten. Deshalb tauft man sie so früh es geht, weil es eigentlich für das Erwachsenenleben gar nichts mehr bedeutet.

Im Alltag eines Erwachsenen kommt so etwas wie Gnade und Güte absolut nicht vor, aber es gibt immerhin ein paar schöne Geschichten und Feiertage, die man den Kindern weitergeben kann, damit sie kulturell identifizierbar bleiben. Man tauft also Kinder, weil man Angst hat, dass man die denkenden Heranwachsenden wohl schon nicht mehr für das Christentum gewinnen könne. Darum müsse man sie in der Kindertaufe schon zu Christen machen, bevor sie überhaupt wissen können, was es heißt, ein Christ zu werden. Und dann brauche man die Konfirmation, die man aber geschickter Weise in ein Alter verlegt, wo man zwar sein Seelenheil für alle Ewigkeit geloben soll, aber denselben Knäblein nicht auch nur 100 Dukaten anvertrauen würde. Eine Komödie ohnegleichen!

Der 6. Sonntag nach Trinitatis ist dem Thema „Leben aus der Taufe“ gewidmet. Auch der Predigttext aus der hebräischen Bibel, der von der Erwählung zu einem heiligen Volk redet, soll etwas Erhellendes dazu beitragen. Dabei stößt der Text jedoch nicht nur auf den hintergründigen Spott des dänischen Philosophen aus dem 19. Jahrhundert, sondern auch auf allerlei alltägliche Erfahrungen von heute zum Thema Taufe, bei denen Anspruch und Wirklichkeit doch ein gutes Stück weit auseinanderklaffen: Da waren die Eltern des Täuflings zum letzten Mal am Tag ihrer Konfirmation in der Kirche; die standesamtliche Trauung an romantischem Ort fand man seinerzeit ausreichend. Auf das Singen von Kirchenliedern könne doch gegebenenfalls verzichtet werden, so ein Wunsch im Taufgespräch, weil die Gäste erfahrungsgemäß sowieso nicht mitsängen. Um nicht unter den Wenigen zu sein, die das Glaubensbekenntnis sprechen, erläutert der Pfarrer im Gottesdienst, an welch exponierter Stelle im Gesangbuch es zum Mitlesen schnell zu finden ist.

Wie also passen der Text und unser Taufverständnis mit dieser Realität zusammen? Der Spagat zwischen den Tauffamilien und der sonntäglichen Gottesdienstgemeinde wird immer schwieriger. Im Text kommen nun die schlecht weg, die Gott hassen und seine Gebote nicht halten. Aber ist das das Problem der gerade beschriebenen Tauffamilien? Ist es nicht vielmehr Unkenntnis oder Gleichgültigkeit?

Ein möglicher Lösungsweg aus dem Dilemma: Egal, welche Bedürfnisse und Ansichten in Taufgesprächen geäußert werden – ich find’s wunderbar, dass Menschen ihren Wunsch, ihre Kinder taufen zu lassen oder selbst getauft zu werden, nach 2000 Jahren immer noch aussprechen. Denn hinter allen Äußerlichkeiten und Missverständnissen liegt scheinbar doch eine große Bedürftigkeit nach Halt, nach Zugewandtheit und Liebe, nach Sinn und Heil. Und dieses Bedürfnis lässt sich offenbar nirgendwo anders recht stillen als im Raum des Heiligen, im Gottesdienst vor Ort. Das ahnen wohl die meisten Eltern, die ihr Kind zur Taufe bringen, um ihm dort sagen zu lassen: Gut, dass du da bist; Gott liebt dich und Gott braucht dich, um dem Leben zu nützen, es zusammen mit Gott zu wärmen.

Und redet nicht auch unser Text von Gottes Treue, die der Taufbund unverbrüchlich macht? Oder von der Zusage von Gottes Liebe, die nicht auf Vorleistungen und Verdienste gegründet ist. Und von Gottes Gnade, die sich geschichtlich dadurch erweist, dass er treu und barmherzig ist.

So verstehe ich die Rede von den Geringsten und Kleinsten, die erwählt werden, hier mal so, dass nicht nur die Babies, sondern auch die nicht mehr ganz so „kirchenkompatiblen“ Eltern und Paten in den Genuss von Gottes Liebe und Barmherzigkeit kommen dürfen. Hoffentlich erwächst ihnen daraus auch eine Befreiungserfahrung, die frei macht von Leistungsdruck und Sachzwängen sich selbst und ihren Kindern gegenüber. Und die sie als Getaufte in Bewegung setzt auf ein Leben hin, wie Gott es für die Seinen gemeint hat.

Frank Schuster ist Pfarrer an der ­Martin-Luther-Kirche in Neustadt.

Gebet

Gott des Lebens, wir bringen Kinder zur Taufe, damit du sie segnest und zu den Deinen zählst. Bei dir sollen sie geborgen sein, deinen Weg der Befreiung gehen lernen, den Weg des Vertrauens zu sich und zu den Menschen. Schenke ihnen und uns dazu den Geist der Liebe, der Geduld, der Phantasie und der Hoffnung. Amen.

 

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