Zeichen des Segens

Pfarrer Hans Hutzel
Pfarrer Hans Hutzel

Andacht zum Sonntag Exaudi

von Pfarrer Hans Hutzel

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Johannes 7, 37–39

Schülerinnen und Schüler einer Wirtschaftsklasse lassen sich mit mir auf diese Perikope im Johannesevangelium ein. Feste „feste“ feiern – das können sie. „Es sind ja nur drei Verse …“, sagen sie und merken schon bald: Drei Verse, die es in sich haben. Um die aber besser verstehen zu können, lesen wir das gesamte 7. Kapitel des Johannesevangeliums: „Die Reise zum Laubhüttenfest“. Auf dieses Fest beziehen sich ja die drei Verse.

Dieses Laubhüttenfest oder auch „Sukkot“ ist das jüdische Erntedankfest, ein Wallfahrtsfest, das mit einer Pilgerreise nach Jerusalem verbunden war. Sukkot bedeutet „Hütten“, und heißt, dass gläubige Juden während der Festwoche in provisorischen Hütten wohnten und diese selbstverständlich unter freiem Himmel zu stehen hatten. Das Wohnen in diesen einfachen Hütten soll daran erinnern, dass das Volk Israel in seiner Geschichte Zeiten erlebte, in denen es als Nomadenvolk durch die Wüste zog.

Die Israeliten zur Zeit Jesu wussten: Alle Ernte hing davon ab, dass Regenzeiten kamen, die Grundlage für eine gute Ernte waren. Und so stand hinter der Freude über die Ernte eines jeden Jahres, die man beim Laubhüttenfest feierte, immer auch schon die Frage, wie es weitergehen würde im neuen Jahr; denn die Frage nach Wasser war eine Überlebensfrage dieser Menschen. So war es am letzten Tag der Höhepunkt des Festes, wenn die Priester das Wasser schöpften und über dem Altar ausgossen: als Zeichen des Segens und als Bitte um neuen Segen im Leben.

Jesus ist hin- und hergerissen: Erst will er das Fest meiden, will gar nicht hingehen; dann überlegt er es sich und geht heimlich, still und leise doch zum Fest hinauf nach Jerusalem. Am letzten Tag des Laubhüttenfests tritt er auf. „Der sagt ihnen, wo es langgeht“, meinen meine Schüler, und weiter: „Der trumpft ja richtig auf mit diesem: ,Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.‘“

Wir versuchen, diese Lutherübersetzung zu verstehen: Klar ist, Jesus ist hier die Wasserquelle, der Ort, wo Menschen auftanken können; wo sie „Wasser des Lebens“ kostenlos angeboten bekommen. Die Quelle, aus der wir schöpfen dürfen, wenn wir es nötig haben, wenn wir durstig sind, wenn uns die Kraft versiegt und wir meinen: „Ich kann nicht mehr, ich weiß nicht mehr weiter. Wie soll ich das denn alles ertragen!“ In solchen deprimierenden Augenblicken des alltäglichen Lebens frisches, klares Wasser trinken zu dürfen, kann einen schon aufrichten. Und dann noch das: Jesus behält diesen Anspruch nicht für sich, sondern gibt ihn an uns weiter, wenn er sagt: „Von dem Menschen, der sich bei mir Kraft holt, von dem gehen wiederum Kräfte aus, und das lebendige Wasser wird strömen.“

Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Jesus sagt an anderer Stelle: „Ich bin das Licht der Welt!“ und fügt hinzu: „Ihr aber auch!“ Das verstehen meine Schüler: Das eine ist ohne das andere schwer möglich. Kraft und Energie bei Jesus zu holen, ist das eine, und das andere eben sind jene Menschen, die anderen durch ihre ureigene Art wichtige Hilfestellungen und Orientierung bei ihren Problemen geben können. Das vergessen die jungen Menschen so schnell nicht, wenn da einer ist, der ihnen zuhört, sie nicht gleich verurteilt, sondern mit ihnen gemeinsam konstruktive Möglichkeiten der weiteren Lebensgestaltung überlegt.

Der Bibeltext ist gegen Ende des 1. Jahrhunderts verfasst worden. Zu einer Zeit, wo es noch keine Kirchenverfassung, noch kein presbyterial-synodales Kirchensystem und noch keine Kirchenobrigkeit gab. Schon Johannes war damals davon überzeugt, dass alles von unten nach oben geschehen müsse, dass alle Gemeindemitglieder letztendlich in der Lage sind, zum einen Träger und Empfänger von lebendigem Wasser zu sein und zum anderen dies auch weitergeben können mit ihren Stärken und Begabungen. Und schon sind wir mittendrin im aktuellen Geschehen, in Zeiten von Kirchenbezirksfusionen und dem Bilden von Kooperationszonen. Denn auf solche kompetente Christen und Christinnen werden wir Pfarrerinnen und Pfarrer künftig noch mehr angewiesen sein.

Dass wir hier mit Mut und Gottvertrauen in die Zukunft schauen können, dafür brauchen wir Menschen, die begeistern können; Menschen, die in den Kirchengemeinden vor Ort den Mund aufmachen und laut sagen, was ist; Menschen, von denen aus Ströme von lebendigem Wasser fließen. Wohlgemerkt: Wo das Wasser fließt, nicht stillsteht. Dass wir damit nicht alleingelassen werden, dass wir dafür Gottes guten Geist brauchen und bekommen, darauf verweist Jesus am Ende der kurzen Perikope. Deshalb feiern wir Pfingsten. Nächste Woche. So lange müssen wir uns noch ein bisschen gedulden. Die Schülerinnen und Schüler sind sich abschließend einig: „Das muss ja sein wie ein ‚Energydrink‘, dieser Genuss von ,lebendigem Wasser‘. Und ich meine: „Warum nicht.“ Jesus als „Energydrink“ – mit einem solchen Drink löscht man doch gerne seinen Durst!

Hans Hutzel ist Schulpfarrer in Frankenthal und Mitglied der Landessynode.

Gebet

Gott, es ist gut, dass du immer wieder zu uns redest, in stärkenden und Mut machenden Worten. Das gibt uns Kraft für den Alltag, um uns auch um die Menschen zu kümmern, die jeden Halt und jede Orientierung verloren haben und unsere Hilfe brauchen. Sei du uns die Quelle unserer Kraft dafür. Amen.

 

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